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Mit der Wissenschaft hat man’s nicht so (oder man hat keine Wissenschaftsredaktion)

16 Feb

Der Spiegel hat einen Artikel online demzufolge:

Pinguine verfügen über wenig Geschmacksempfindungen. Die Vögel können nur salzig und sauer unterscheiden.

Überraschend, meint das Blatt, denn:

Wirbeltiere – darunter auch der Mensch – kennen alle fünf Geschmacksrichtungen, vielleicht sogar auch noch mehr.

Da stutzt der spiegellesende Laie und der Fachmann wundert sich, denn wie der Spiegel bereits 2005 zu berichten wusste:

Forscher haben jetzt den Grund gefunden: Katzen können Süßes wegen eines Gendefekts gar nicht schmecken.

Und Katzen sind nicht nur Wirbeltiere (die Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien beinhalten), sondern sogar Säugetiere, also noch näher am Menschen dran. Auch das Beispiel, dass der Spiegel zur Illustration bringt, erzeugt nicht grad Vertrauen in die Berichterstattung:

So erkennt etwa der Mensch Saures mit Hilfe des Eiweißes PKD2L1. Der differenzierte Geschmackssinn dient nicht nur dem Genuss, sondern hat auch einen evolutionsbiologischen Hintergrund: Menschen und Tiere können verdorbene Nahrung erkennen – ein entscheidender Überlebensvorteil.

Verdorben=sauer funktioniert nicht. Verdorben=bitter schon eher.

Aber das der Schreiberling eh keinen Plan hatte, zeigt sich bei:

Zum Vergleich prüften die Wissenschaftler 14 andere Vogelarten wie Finken, Aras und Stockenten, darunter auch die eng mit Pinguinen verwandten Röhrennasen (Procellariiformes). Alle trugen Erbanlagen zum Erkennen bitteren und herzhaften Geschmacks. Gene für süß-Rezeptoren fehlen dagegen bei allen bislang untersuchten Vögeln.

Wie oben erwähnt, sind Vögel Wirbeltiere. Wenn es also einige Arten gibt, die süss-sauer nicht schmecken, ist die obige Verallgemeinerung schlicht falsch.

Links sein heisst auch, nicht irgendwelchem Aberglauben anzuhängen

21 Sep

Ok, ich kann das net anders sagen: WTF, TAZ?

Nine Pierpont hat also das “Wind Turbine Syndrome” benannt. Problem ist nur, dass es dafür keinen wissenschaftlichen Beleg gibt. Speziell gibt es schlicht keine peer-reviewed publication und überzeugende Argumente gegen ihre Behauptungen.

Und die Formulierung

Die St. Louis School of Medicine lieferte dazu kürzlich weitere Forschungsergebnisse.

ist gezielt vage, denn was sie auslässt, ist dass die Publikation in “Acoustics Today” veröffentlicht wurde, die explizit keine peer review vornehmen.
Zusätzlich ist das ganze rein theoretisch (meine Hervorhebung):

The many ways by which unheard infrasound and low-frequency sound from wind turbines could distress people living nearby are described.

D.h., selbst in diesem Artikel finden sich keine empirischen Belege.

Dieser TAZ-Artikel ist pseudowissenschaftlich panikmachend und hilft im Endeffekt nur denen, denen erneuerbare Energien ein Dorn im Auge sind.

Ja ja, die Wissenschaft ist schuld

11 Aug

Der Spiegel schreibt darüber, dass reichlich Promotionsstudenten abbrechen und kontrastiert den Idealismus derjenigen, die Wissenschaft betreiben wollen und die Realität im Wissenschaftsbetrieb:

Doch auch die Tätigkeit und die Zwänge in der Wissenschaft selbst und der Widerspruch zur “inneren Berufung” und der damit verbundenen idealistischen Vorstellung von Wissenschaft scheinen Promovierenden Schwierigkeiten zu bereiten. Das Ideal, der reinen Sache, das heißt der Schaffung neuen Wissens im Weber’schen Sinne um des Wissens selbst willen dienen zu wollen oder die Leidenschaft für ein neues Forschungsthema oder eine interessante Forschungsfrage trägt viele Promovierende in die Wissenschaft. Dort treffen sie auf Strukturen, die diesen Ansprüchen nicht gerecht werden oder ganz und gar widersprechen, aber genauso zum Wissenschaftsalltag gehören: Konkurrenzdruck und Leistungsdenken, spitze Ellenbogen von Kolleginnen und Kollegen, fehlende Freiheit bei Fragen- und Methodenwahl, die Abhängigkeit von Karriereoptionen und Geldgebern, Elitedünkel, das Aussortieren unbequemer Resultate, “Datenbeschönigungen” oder das Aufbauschen bescheidener Forschungsergebnisse.

Treffen an der Sache selbst interessierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf Effizienz- und Output-Orientierung in einer Wissenschaftswelt, die wie ein Industriebetrieb geführt wird, geraten sie in einen Zwiespalt: Unterwerfen sie sich dem Druck oder bleiben sie ihrem Ideal treu? Sie laufen Gefahr, in diesem System einfach unterzugehen, da sie zum Beispiel zu langsam arbeiten oder keine oder zu wenige publikationsfähige Ergebnisse produzieren. Die große Diskrepanz zwischen den Vorstellungen von Wissenschaft und der dann vorgefundenen Realität führt zu Frustration und Enttäuschung. Damit ist das Wissenschaftssystem selbst keineswegs unbeteiligt an Promotionsabbrüchen.

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