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Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge verzerrt die Diskussion

12 Apr

Das Forum unter dem Artikel, den ich gestern besprach, ist sehr aktiv, mit reichlich zustimmenden und ablehnenden Kommentaren. Einer, der ein Stück weit “sowohl-als-auch” zum Ausdruck bringt, schrieb:

Derjenige, der in relativer Armut lebt, empfindet Ihre Ausführungen sicherlich als Hohn. Und in Sachsen-Anhalt hat doch bereits ein Großteil der Arbeitslosen die AfD gewählt, obwohl die doch gerade sich nicht für Arbeitslose einsetzen. Anscheinend scheint die Furcht vor Massenverelendung durch die Flüchtlingsaufnahme so groß zu sein, dass manche sogar selbstschädigende Parteien wählen.
Wer den Menschen in diesem Land nicht klar und verständlich sagt, wie die Flüchtlingsaufnahme und Integration dauerhaft finanziert und bewerkstelligt werden soll, erntet nur Skepsis und im schlimmsten Fall rechtsradikale Wahlergebnisse. Leider äußern sich auch CDU/CSU nicht dazu, wie dies realitätsnah bewerkstelligt werden soll. Kein Problem also nur der Linken.

Das klingt, wie jemand, der durchaus verstanden hat, dass die wirtschaftliche Situation in Deutschland eben nicht “luxuriös” ist, der allerdings auch nicht versteht, dass der deutsche Staat viel mehr tun kann, und warum und wie man ihn dafür kritisieren sollte. Darauf hob ich ab, als ich schrieb:

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber Ihr Post, dem ich durchaus i.W. zustimme, zeigt halt auch die Scheindebatte, die in Deutschland läuft.

Flüchtlingsaufnahme und -integration können ganz einfach finanziert werden: indem der deutsche Staat zusätzliche Ausgaben tätigt, ein Defizit eingeht.
Wenn das im Rahmen der Eurozone rein theoretisch von der EZB unterbunden werden könnte, gibt sich doch wohl niemand der Illusion hin, dass die EZB tatsächlich die deutsche Bundesregierung in die Schranken weisen würde.
Und das Attraktive an der Lösung ist, dass es auch noch zusätzliche Nachfrage und damit Arbeitsplätze schaffen würde, am Besten nicht im Niedriglohnsektor.

Braucht man auch nirgendwo anders kürzen oder Steuern zu erhöhen – wenn man die Charade aufrechterhalten will, gibt man halt Staatsanleihen zum Fast-Null-Zins aus. Allerdings müsste sich Schäuble dazu von seiner schwarzen Null lösen.

In der Reaktion darauf kam dann leider so ziemlich jedes Missverständnis zum Vorschein, das heutzutage so gern genutzt wird, um Staatsausgaben zurückzudrängen, Sozialausgaben zu kürzen usw. usf.:
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Herr, schmeiss Hirn vom Himmel!

10 Mar

Der Spiegel zeigt in einem Beitrag mit dem Titel:

Ifo-Studie: Grenzkontrollen kosten jeden Deutschen bis zu 132 Euro

wie wenig Makroökonomie/Volkswirtschaftslehre betrieben/verstanden wird und wie idiotisch die aktuelle Berechnung des BIP ist:

Dass Grenzkontrollen den Handel beschneiden, beobachtet Spediteur Dettendorfer bereits jetzt. Holzreste von Sägewerken, die sein Unternehmen normalerweise von Bayern nach Österreich fährt, bleiben nun in Deutschland. “Der Transport lohnt sich nicht mehr. Wir nehmen stattdessen einen geringeren Preis in Deutschland in Kauf”, sagt Dettendorfer.

Dettendorfer nimmt also weniger mit dem Verkauf dieser Holzreste ein – macht also weniger Gewinn oder sogar Verlust.
Allerdings heisst das auch, dass jemand in Deutschland weniger für diese Holzreste ausgeben muss, als wenn sie nach Österreich gegangen wären und den Markt in Deutschland verknappt hätten. D.h., dass diese Person mehr Gewinn macht.

Genauso:

Allen Studien ist gemein, dass […] die direkten Ausgaben für die Kontrollen in den obigen Angaben nicht enthalten sind.

Diese “direkten Ausgaben” sind Ausgaben des Staates, die in Gehälter und/oder Material fliessen. D.h., dass es sich wahrscheinlich um Einnahmen diverser deutscher Wirtschaftssubjekte handelt. Genauso, wie die Ausgaben für die Versorgung der ankommenden Flüchtlinge ja an deutsche Wirtschaftssubjekte gezahlt wurden/werden und deswegen zwar Kosten für den Staat, aber keinesfalls Kosten für “jeden Deutschen” darstellen.

Was haben die denn geraucht?

23 Mar

Laut Spiegel Online langt das Instituts für Weltwirtschaft (IfW), richtig zu:

Aufgrund der starken Aufschwungkräfte werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) über mehrere Jahre hinweg stärker zulegen als das Produktionspotenzial. Erst 2019 könnte sich der BIP-Zuwachs wieder spürbar verlangsamen.
[…]
Die Preise dürften in den kommenden Jahren merklich anziehen, sagen die IfW-Forscher voraus. Die Inflationsrate könnte sich bis 2019 der Drei-Prozent-Marke nähern.

Es gibt keinerlei Anzeichen für irgendwas davon: das Wirtschaftswachstum in Deutschland kriecht vor sich hin, von Resteuropa ganz zu schweigen, die Inflation schwächt sich mehr und mehr ab und ist in vielen Ländern schon reine Deflation und der Lohnabschluss, den die IG Metall grad unterschrieb, ist auch nicht toll.

Das Ganze basiert nur auf einem fehlerhaften theoretischen Gebäude und wenn dann nichts davon eintrifft, wird’s wieder keiner zugeben.

Und ist ja nicht so, als sei dieser Schwachsinn neu, wie ausgerechnet die FAZ nachweist:

„Ich glaube, dass die Inflationsrate stark steigen wird: über fünf Prozent. Alle Erfahrungen zeigen, dass Länder, die hoch verschuldet sind, zur Inflation neigen.“

Joachim Starbatty, Wirtschaftsprofessor, 22. April 2010.

„Wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen, gebe ich mein Diplom als Bonner Volkswirt zurück und bin bereit, alles neu zu lernen. 2013 wird der Index der Verbraucherpreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt zwischen 2,0 und 2,4 Prozent steigen.“

Thilo Sarrazin, ehemaliger Bundesbank-Vorstand, 30. Dezember 2012.

„Ich rechne für Deutschland in den kommenden Jahren mit bis zu vier Prozent Inflation.“

Jürgen Stark, ehemals EZB-Direktoriumsmitglied, 5. Juli 2013.

„Die Konsequenz wird schlussendlich Inflation sein. Aber das ist ein Preis, den wir für Europa zahlen werden müssen.“

Anshu Jain, Ko-Chef der Deutschen Bank, 16. September 2013.

„Wir rechnen mit drei bis vier Prozent Inflation über mehrere Jahre. Schon 2013 wird eher eine Drei als eine Zwei vor dem Komma stehen.“

Bankhaus Metzler, 23. September 2013.

Der Spiegel versteht VWL nicht nur mit Bezug auf Deutschland nicht

4 Mar

Wettlauf mit den USA: China rüstet trotz Wachstumsschwäche kräftig auf

titelt der Spiegel und zeigt erneut, dass der grösste Teil der Redaktion keinerlei Ahnung von VWL hat. Rüstungsausgaben stellen Nachfrage dar – falls die Erhöhung der Rüstungsausgaben nicht komplett in den Erwerb von Produkten aus dem Ausland fliesst, trägt sie dementsprechend zur Binnennachfrage und damit zum Wachstum bei.

Ob solche Ausgaben sinnvoll sind, darüber kann man streiten, darüber, ob Staatsausgaben (die nicht in Aktien oder ähnliches fliessen) die Nachfrage beleben und damit das Wachstum stärken, hingegen nicht.

Bloss ja keine linke Kritik zulassen

8 Aug

Lasst es uns mit Marx versuchen titelt die TAZ und beschreibt das Phänomen, dass marxsche Einsichten in den USA wieder ein bisschen mehr Verbreitung finden, Grosse Depression 2.0 sei Dank. Die Hauptstossrichtung des Artikels besteht darin, diese Entwicklung herablassend zu behandeln:

Wenn jemand das Label, „Marxist“ zu sein, in den vergangenen Jahren als Selbstbezeichnung vor sich hertrug, dann bedeutete das oft: Meine Radikalität ist vor allem eine Markierung der Differenz, ich bin anders, nicht Mainstream.

Was kümmern mich die reale Welt und die normalen Menschen. Immerhin habe ich den Zuspruch derer, die mein Denken teilen, also meiner drei besten Freunde und des Vernissagenpublikums.
[…]
In den USA wird in diesem Frühsommer das „Comeback von Marx“ ausgerufen, weil eine junge Generation Intellektueller die radikale Kritik entdeckt. Hauptgründe sind: Die Gründung des linken Magazins Jacobin, die Wendung der Gruppe kritischer Intellektueller um die Zeitschrift n+1 in Richtung Marxismus und vor allem das neue Buch des Starliteraten Benjamin Kunkel, „Utopia or Bust“.

Die Unschärfe dieses Artikels ist deprimierend. Zumindest die Unterscheidung zwischen Neokeynesianern und Postkeynesianern wäre wichtig gewesen:
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Bundesbankvorhersagen

6 Jun

Spiegel hat sie hilfreicherweise zusammengefasst:

Die Notenbanker sagen für das laufende Jahr nach europäischer Berechnung einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,1 Prozent und für 2015 um 1,5 Prozent voraus. 2016 werde die Inflationsrate weiter auf 1,9 Prozent steigen.
[…]
Sie hob ihre Prognose für das Wachstum 2014 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent an, wie aus den am Freitag veröffentlichten Daten hervorgeht. Im nächsten Jahr rechnet sie mit einem Plus von 2,0 Prozent und 2016 mit 1,8 Prozent Wachstum.
[…]
Die Zahl der Arbeitslosen soll sich in diesem und im nächsten Jahr bei rund 2,8 Millionen einpendeln.

Die Erklärungen sind zwar wie immer Unsinn, aber immerhin können wir Ende des Jahres (und in den kommenden Jahren) vergleichen.

edit: Und hier, was der Weltbank dazu einfällt:

Deutlich besser als bisher angenommen, dürfte sich die Konjunktur laut der Weltbank in der Eurozone entwickeln. Während die Wachstumsrate wie bislang angenommen in diesem Jahr bei 1,1 Prozent liegen soll, steigt sie demnach 2015 auf 1,8 Prozent und 2016 auf 1,9 Prozent. Bislang lagen die Prognosen bei 1,4 und 1,5 Prozent

edit 2:

Vorhersagen für die USA:

Zwar wird für das laufende Jahr wegen des wetterbedingten Einbruchs zum Jahresbeginn nur noch mit einem Plus von “enttäuschenden” 1,7 Prozent gerechnet. Inzwischen gehe es aber wieder kräftig aufwärts mit der US-Wirtschaft, so dass für das kommende Jahr mit drei Prozent der größte Zuwachs seit 2005 erwartet wird, schreibt der IWF in seinem am Mittwoch veröffentlichten Länderbericht.

und Deutschland:

Die Wirtschaft werde im laufenden Jahr um 1,9 Prozent wachsen, 2015 dann um 1,7 Prozent, schätzt der IWF. Bisher waren die Experten von 1,7 Prozent für 2014 und 1,6 Prozent für 2015 ausgegangen.

Wenn’s wenigstens ein Aprilscherz gewesen wäre

1 Apr

Der Spiegel hatte gestern einen Beitrag mit dem Titel “Studie: Fahrradhelm-Pflicht brächte mehr Schaden als Nutzen” online. Ich ging davon aus, dass es sich um eine aufgewärmte Version des Arguments handelte, dass Leute höhere Risiken eingehen, wenn sie sich beschützt fühlen. Allerdings ging’s darum gar nicht. Korrekterweise hätte der Beitrag “Fahrradhelmpflicht bringt mehr Kosten als Einsparungen heissen müssen” – allerdings klingt “Schaden” besser als “wird teuer”.
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