Archive | Sprache RSS feed for this section

Hoffen auf eine nicht-linke “Linke”

4 Sep

Die TAZ hat grad einen Artikel veröffentlicht, in dem sie die aktuelle Parteivorsitzende Kipping und ihre Karriere beschreibt. Der Artikel selbst ist ehrlich gesagt nicht sehr interessant, allerdings ist es die Wortwahl, weil sie das Projekt Kippings, Die Linke nach rechts zu verschieben, manipulativ unterstützt.

Z.B. bzgl. Beziehungen, wenn es um Kipping selbst geht (meine Hervorhebungen):

Kipping und Leutert werden ein Paar.

im Unterschied dazu, wenn über die, teilweise kritischen, ehemaligen Weggefährten geschrieben wird:

[A]ie Mitglieder teilen viel mehr als nur die Arbeit: Sie wohnen zusammen, sie fahren zusammen in den Urlaub, einige haben Affären untereinander.

Oder wenn die “association fallacy” benutzt wird (meine Hervorhebungen):

Andere Relikte halten sich bei der Linken hartnäckiger. Noch immer schafft es die Partei nicht, ihre linientreue Solidarität mit Autokratien wie Russland oder Venezuela kritisch zu hinterfragen. Auf dem Parteitag im Juni findet ein Antrag, der die völkerrechtswidrige Annexion der Krim verurteilt, keine Mehrheit, dafür beschwören die Genossen Solidarität mit Venezuela, wo Präsident Maduro gerade Demonstranten niederschießen lässt. Auch das Bedingungslose Grundeinkommen, Kippings Steckenpferd, wird von den gewerkschaftsnahen Linken bis heute erfolgreich sabotiert.

Ein Haufen “loaded language“, wenn es darum geht, das Stimmverhalten der Delegierten zu beschreiben. Wobei das Verhalten der russischen und venezolanischen Regierungen durchaus verdammenswürdig sind, keine Frage. Allerdings wird der Eindruck erweckt, dass diese Entscheidungen völlig unreflektiert seien und die Lage in Venezuela ist schlicht zu kompliziert, um sie so zu verkürzen.
Aber vor allem: das BGE ist ein völlig anderes Ding – es gibt reichlich gute Argument gegen die Verwirklichbarkeit des BGE und gute Gründe, zu glauben, dass es die von linken Befürwortern erhofften Effekte nicht haben wird, sondern stattdessen Niedriglöhne subventionieren. Im TAZ-Text wird seine Ablehnung gleichgesetzt mit der Unterstützung von (mörderischen) Autokratien und impliziert, dass diese “Sabotage” unreflektiert, bzw./weil “gewerkschaftsnah”, sei.

Oder wenn beschrieben wird, wie Kipping mehr Macht gewann:

Früher planten sie in der Jugendbrigade ihre Karrieren gemeinsam – doch das Manöver auf dem Parteitag traf ihn unvorbereitet. Seit dem Göttinger Parteitag zähle er sich nicht mehr zu Kippings Vertrauten, sagt Hartmann: „Damals hat sich Katja andere Partner gesucht. Bedeutendere als mich.“
[…]
War Katja Kipping schon immer machtbewusst? „Absolut“, sagt Hartmann und nickt zu jeder Silbe. Er bezeichnet sie als kluge Machiavellistin. Aber er nehme ihr das nicht übel. „Das ist nur schlimm, wenn man Politik als Ponyhof begreift. Aber man kann nicht Parteichefin und Hippie zugleich sein.“ Hartmann sieht sich immer noch als politischer Verbündeter von Kipping.

Hat Katja Kipping ihre alten Parteifreunde vergessen, als sie an die Spitze der Partei vorstieß? Oder hat sie Machtbewusstsein gezeigt, ohne das man als Parteichefin einfach nicht auskommt?

Klar, alte Verbündete sind ein bisschen enttäuscht, aber verständlich ist ihr Verhalten irgendwie schon. Man hätte die letzten beiden Fragen auch umgekehrt stellen können, schliesslich passt die zweite besser zum vorherigen Absatz. Aber dann wäre das vorläuflich letzte Wort ja negativ gewesen.

Das sich eigentlich nichts geändert hat, wird dann später noch mal explizit aufgegriffen:

Leutert sagt: „Katja – die hatte früher manchmal so einen Zug um den Mund, wenn sie angespannt war. So sieht man sie jetzt nur noch.“
Andere aus der Jugendbrigade, die heute noch zu Kippings Freunden zählen, meinen dagegen, dass Kipping sich wenig verändert hat. „Katja hat schon immer ihr eigenes Ding gemacht, eine eigenständige Politik verfolgt und sich strömungspolitisch nicht untergeordnet“, meint Caren Lay. „Sie brannte für Inhalte und Projekte, wie Grundeinkommen und Umweltschutz, und deren Durchsetzung, auch gegen Widerstände“, sagt Heike Werner. Selbst ihr Kleidungsstil sei gleich geblieben: „Flatterblusen, Tücher und Schmuck.“

Sie brannte immer für die Projekte, die sie immer noch vorantreibt (und die interessanterweise nicht wirklich links sind, wie die Befürwortung durch andere nicht-linke Parteien und Individuen zeigt) und war schon immer unangepasst.

Ihre innerparteilichen Gegner, dagegen:

Bartsch und seine Truppe hatten sie als Mädchen aus Sachsen 2012 unterschätzt – ein Fehler, für den sie bis heute bezahlen.
[…]
Für Kipping ist das gut so. „Als wir mehr Verantwortung im Land wie im Bund übernommen haben, mussten wir uns öffnen, gerade damit wir nicht zum reinen WG-Hinterzimmer-Klüngel werden.“ Einigen Männern habe das vielleicht nicht gefallen, da sie damit auch ihren Einfluss auf sie verloren hätten.

werden weiterhin als Ewiggestrige dargestellt. Im Übrigen: der Narrativ vom unterschätzen “Mädchen”, dass den alten Männern Paroli bietet, den gibt es auch in einer anderen Partei: der CDU, bzgl. Merkels.

Das alles summiert sich einer ziemlich eindeutigen Botschaft: Kipping ist das Gesicht der (erwünschten) Zukunft der Partei Die Linke:

Sie hat sich in den letzten Jahren Verbündete quer über die Lager gesucht. Zu ihren Unterstützern zählen Parteilinke wie die hessische Fraktionschefin Janine Wissler und Teile des Reformerlagers wie die thüringische Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow.

Advertisements