Argentinien begibt sich mit offenen Augen in die Falle (und der Spiegel stellt’s falsch dar)

20 Apr

15 Jahre lang war Argentinien von den Finanzmärkten verbannt, jetzt hat ein US-Gericht die Sperre aufgehoben.

schreibt der Spiegel, was natürlich Unsinn ist. Die argentinische Regierung hatte die ganze Zeit Zugang zu den nationalen Finanzmärkten, was der Spiegel im Text auch klarstellt (meine Hervorhebung):

15 Jahre lang war Argentinien von den internationalen Finanzmärkten ausgeschlossen, nun kann das Land dort wieder Kredite aufnehmen.

Warum sollte die Regierung das überhaupt wollen? Na ja:

Der neue Staatschef Mauricio Macri suchte den Kompromiss mit den Hedgefonds. Ende Februar einigten sich die Streitparteien auf einen Vergleich in Höhe von 4,65 Milliarden Dollar.
[…]
Ein US-Berufungsgericht in New York hat die Aufhebung von einstweiligen Verfügungen bestätigt, die dem Land Zahlungen an bestimmte Gläubiger untersagt und den Zugang zu den Kapitalmärkten versperrt hatten. Die Regierung in Buenos Aires kann nun neue Staatsanleihen ausgeben, um die Rechnungen bei den Hedgefonds zu bezahlen.
Und das will Argentinien umgehend tun: Die zweitgrößte Volkswirtschaft Südamerikas werde neue Anleihen über bis zu 15 Milliarden Dollar ausgeben, kündigte Finanzminister Alfonso Prat-Gay an.

Das heisst: der Zugang zu Dollarfinanzmärkten war versperrt, weil die vorherige argentinische Regierung nicht mehrere Milliarden Dollar an Hedgefonds zahlen wollte, die mit den Schulden aus den 90er Jahren spekulieren. Die neue Regierung ist bereit, diese Milliarden über den Tisch zu schieben und kriegt wieder Zugang, um genau das zu machen.
Nirgendwo in dieser Beschreibung kommt irgendein Gewinn für die argentinische Bevölkerung vor: die Ausgabe von Schuldverschreibungen in Dollar war es, die hohe Schulden aufgehäuft hat, den Crash der argentinischen Wirtschaft Anfang der 2000er mitbewirkte, der wiederum es unmöglich machte, diese Schuldverschreibungen in Dollar zu bedienen. Und nun sind neue Schuldverschreibungen geplant, mit dem einzigen Zweck, einen Grossteil der dadurch eingenommen Dollar direkt wieder aus der Hand zu geben.

Ich habe bewusst “in Dollar” geschrieben, denn Schuldverschreibungen in argentinischen Pesos könnte die argentinische jederzeit bedienen, keinerlei Gefahr einer “Staatspleite”, schliesslich produziert allein die argentinische Zentralbank argentinische Pesos. Um Schuldverschreibungen in Dollar zu bedienen, allerdings, braucht die argentinische Regierung eine Einnahmequelle für ebendiese Dollar, z.B. indem sie mehr exportiert als importiert. Das lief in den letzten Jahren nicht so toll…

Insofern ist es Wahnsinn, wenn ich das hier lese (in einem Artikel betitelt “Neue Staatsanleihen: Argentinien leiht sich nach 15 Jahren wieder Geld” – also erneut ignorierend, dass Argentinien in der Zwischenzeit Staatsanleihen in Pesos ausgab):

[Argentinien] platzierte am Dienstag mehrere Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und nahm damit 16,5 Milliarden Dollar ein.
[…]
Allerdings muss der Staat vergleichsweise hohe Zinsen zahlen: Für die richtungsweisende zehnjährige Anleihe bekommen die Investoren 7,5 Prozent an Zinsen.

Die Regierung war anscheinend nicht in der Lage, die 4,65 Mrd aus den Devisenreserven zu bezahlen – also wird mehr als ein Viertel der neuen 16,5 Mrd direkt überwiesen werden müssen – die Zinsen allerdings bleiben Argentiniens zu zahlen, was, wenn sich die wirtschaftliche Situation nicht dramatisch und völlig überraschend ändert, früher oder später wieder zu Problemen führen wird.
Faszinierend ist auch:

Die Papiere waren bei Anlegern derart begehrt, dass Argentinien auch 68 Milliarden Dollar hätte einnehmen können. “Alle haben sich auf Argentinien gestürzt”, sagte ein in New York ansässiger [Spekulant].

Der Zins auf Staatsanleihen zeigt normalerweise die Nachfrage nach diesen an: riskante Staatsanleihen (z.B. die von Griechenland) werden wenig nachgefragt, weswegen der Staat höhere Zinsen anbietet, um sie attraktiver zu machen. Die argentinischen Staatsanleihen waren “over-subscribed” und es werden dennoch 7,5% Zinsen geboten?

Die (rechte, neoliberale) argentinische Regierung hat sich sehenden Auges in eine “Schuldenfalle” begeben, die den Namen auch verdient, weil sie sich in ausländischer Währung verschuldet. Und der Spiegel, mit seiner Vermischung der verschiedenen Anleihenkonzepte, trägt dazu bei, das der Durchschnittsleser nicht versteht, warum das eine so miserable Idee ist.

Griechenland ist übrigens in der gleichen Situation – seit Jahren.

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