Streik (miss)verstehen

14 May

Spiegel schreibt über die “Streikwelle” in Deutschland und weisst darauf hin, dass 2015 gar nicht besonders viele Streiks erlebt, aber dass wir als Konsumenten direkter betroffen sind:

Das mag nach viel klingen, verglichen mit noch früheren Jahren ist es das aber nicht. So fielen etwa 1992 gut 1,5 Millionen Tage streikbedingt aus. Auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren gingen die Ausfälle teils in die Millionen. In der Stahl- und Metallindustrie oder im Öffentlichen Dienst wurden Betriebe wochenlang lahmgelegt, also oft deutlich länger als heute.
[…]
Warum fühlt es sich heute so viel heftiger an? Kurz gesagt: Weil wir die Konflikte stärker als früher spüren, ja Leidtragende sind. Wenn die Piloten der Lufthansa die Maschinen am Boden lassen, kaum noch Züge rollen, Geburtstagskarten nicht mehr ankommen und Kita-Kinder zuhause bleiben müssen, trifft es fast jeden von uns an mindestens einem Punkt. Ein Streik in einem Metallbetrieb lässt dagegen die meisten von uns wohl ziemlich kalt, weil der Konflikt nichts mit unserem Alltag zu tun hat.

Fast 90 Prozent aller Arbeitskämpfe und gut 97 Prozent aller Ausfalltage betrafen zuletzt den Dienstleistungsbereich, wie das WSI-Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung festgestellt hat.

Was natürlich immens damit zu tun hat, dass die sogenannten Industriestaaten reichlich Industrie in Billiglohnländer verlagert und versucht haben, sich auf Dienstleistungen zu spezialisieren.

Leider stellen sie dann allerdings nicht die relevante Beziehung her, wenn sie schreiben:

Auch haben die Streitigkeiten eine andere Qualität angenommen. Der klassische Arbeitskampf um das satte Lohnplus oder die 35-Stunden-Woche scheint zunehmend abgelöst zu werden von großen Grundsatzkonflikten: Sollten Erzieher mehrere Gehaltsklassen aufsteigen, weil sich ihr Berufsbild radikal verändert hat? Muss Amazon seine Mitarbeiter in den Versandzentren nach dem Einzelhandelstarif bezahlen statt nach dem für die Logistik? Darf die Post die Paketzusteller aus dem Haustarifvertrag ausgliedern, um wettbewerbsfähiger zu werden? Muss die Lokführergewerkschaft GDL um ihre Macht streiken, bevor das Tarifeinheitsgesetz sie beschneiden könnte?

Da zeigt sich dann das kurze Gedächtnis der Medien – die Gründe, dass das die Anliegen sind, die nach dem zweiten Weltkrieg erstreikt worden, hat viel damit zu tun, dass die Grundanliegen in den 20ern und 30ern des 20. Jahrhunderts Thema waren. Nur, da die seit den 80ern erfolgte Mischung aus “union busting” und Anbiederung der Gewerkschaften ans Kapital dazu geführt hat, dass viel davon zurückgenommen wurde, müssen gerade die Dienstleistungsgewerkschaften von vorn anfangen – mit viel Gegenwind durch die Politik…wie in den 20ern und 30ern.

Augstein wiederum versteht’s:

Gefährlich? Für wen? Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hat gerade noch einmal die implizite Drohung des Kapitals erläutert: “Der Wettstreit um größere Anteile am Wohlstandskuchen führt leicht dazu, dass der Kuchen insgesamt nicht mehr wächst, sondern schrumpft.” So ist das also. Es soll jeder schön an seinem Platz bleiben. Wer mehr will, der bekommt am Ende weniger. Jedenfalls wenn er ein Arbeitnehmer ist. Wobei in Wahrheit ja der Arbeitnehmer seine Arbeit gibt, und der Arbeitgeber sie nimmt. Das nur am Rande.

Es ist immer wieder bemerkenswert, dass die Sorge um den Kuchen nur dann aufkommt, wenn sich die Arbeitnehmer ein größeres Stück genehmigen wollen. Wenn die Unternehmen ihre Gewinne steigern, wenn die Aktionäre ihre Coupons zur Bank tragen. Wenn für die Leute, die die Arbeit machen, nur Krümel bleiben, beklagen sich unsere Zeitungen nicht darüber.

Das ist die Gerechtigkeit der Habenden. Man kennt das: Da sitzen drei am Tisch und es werden zwei Stücke vom Kuchen abgeschnitten – und der dritte nimmt sich den Rest und sagt mit vollem Mund: Was wollt ihr? Sind doch drei Stücke…
[…]
Die Gewerkschaften waren in Deutschland so “kompromissbereit”, dass die Lohnkosten im verarbeitenden Gewerbe von 2003 bis 2013 gegenüber Frankreich, Italien und Spanien um durchschnittlich 15 Prozent fielen. Ökonom Hans-Werner Sinn freut sich: “Das brachte die Wende.”

Und wie: In einem Entwurf zum Armutsbericht der Bundesregierung, der im Herbst 2012 an die Öffentlichkeit geraten war, fanden sich diese Zeilen: “Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat damit zugenommen.” Diese verletze “das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung” und könne “den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden”. Im abschließenden Bericht war das dann gestrichen.

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