Archive | April, 2015

Die Schweizer Nationalbank hat NICHTS verloren

30 Apr

Spiegel:

Der Franken ist einfach zu stark: Das Aufwerten der eigenen Währung gegenüber Fremdwährungen hat der Schweizerischen Nationalbank (SNB) einen Milliardenverlust eingebrockt. Für das erste Quartal weist die Notenbank ein Minus von rund 30 Milliarden Franken aus.

Die SNB kann beliebig viele Franken zum Nulltarif per Tastendruck erzeugen, also wie, bitteschön, soll sie Minus machen können?

Mit dem höheren Kurs der eigenen Währung hat die Schweizer Notenbank nun zu kämpfen. Denn sie hält massenweise Anlagen, die in Fremdwährungen notiert sind – in Franken gerechnet ist ihr Wert erheblich gefallen.

Um das mal aufzuschlüsseln:

  1. Die SNB hat Anleihen in Fremdwährungen gekauft – das impliziert, dass sie dafür auch ebendiese Fremdwährungen hinlegen musste, Euroländeranleihen gibt’s für Euro, US-Anleihen für US$, japanische Anleihen für Yen.
  2. Diese Fremdwährungen hat sie auf dem Devisenmarkt für Franken erworben – zu einem Zeitpunkt, als der Franken schwächer war. Mit Franken, wie gesagt, die die SNB unbegrenzt zum Nulltarif ausgeben kann.
  3. Nun ist der Kurs des Franken gestiegen.
  4. Wenn die SNB diese Anleihen verkaufte und die dadurch erlösten Fremdwährungen nutzte, um Franken zu kaufen (was den Kurs weiter hochtriebe und dadurch mit dem erklärten Ziel der SNB im Konflikt stünde), würde sie weniger Franken erhalten, als sie ausgab.
  5. Aber da die SNB selbst Franken erzeugen kann und aktuell kein Interesse daran hat, den Frankenkurs zu stützen, gibt es keinen Grund, das zu tun.
  6. In der Zwischenzeit steigen mit jeder Renditeausschüttung die Devisenreserven der SNB.
  7. Sollte ein Zeitpunkt kommen, an dem der Kurs des Franken stark fiele und die SNB zur Unterstützung intervenieren wollen, dann kann sie ebendiese Reserven nutzen. Ausserdem kann sie die Anleihen verkaufen und für die erlangten Devisen mehr Franken kaufen, als zum Zeitpunkt des Anleihenerwerbs.

Alles in allem hat die SNB also nicht nur keinen Verlust gemacht, sondern in jedem sinnvollen Szenario, in dem sie Franken aufkaufen würde, würde sie Gewinn machen.

Die EU-Regierungen sind ursächlich daran beteiligt, wenn Flüchtlinge ersaufen

24 Apr

Mindestens 1100 Menschen sind vergangene Woche im Mittelmeer ertrunken, bei dem Versuch, ein EU-Land zu erreichen. Der Spiegel versucht, die Problematik knapp zusammenzufassen und legt die Verlogenheit der EU-Haltung mit einem bezeichnenden Satz offen:

Doch in Libyen, wo die meisten Todesfahrten starten, gibt es keine funktionierende Regierung, die dabei helfen könnte. Der Staat ist zerfallen, zwei konkurrierende Regierungen liefern sich mit Milizen und “Islamischer Staat”-Kämpfern Gefechte.

Motherfuckers, Libyen ist nicht “zerfallen” – das klingt so harmlos, nach einem natürlichen Prozess gar. Nein, Libyen wurde zerschlagen, unter tatkräftiger Mithilfe der EU-Staaten Frankreich und Grossbritannien (Deutschland stimmte dankenswerter Weise mal dagegen – gibt, glaub’ ich, keine andere politische Handlung Westerwelles, die ich derart vorbehaltlos unterstützt habe). Davor hatte Libyen eine Zentralregierung, eine diktatorische, aber so beschissen die Zustände waren, sie waren besser als in dem Schlachtfeld, dass aktuell existiert.
EU-Regierungen haben sich in einen Bürgerkrieg eingemischt, dann abgewendet und das Land sich selbst überlassen und nun nennen sie Schlepper “Terroristen” (Hollande) und fantasieren davon, dass Seenotrettung diese unterstütze und dass Zerstörung von Booten das Problem lösen könne…Als ob dann die Qualität der Boote nicht schlicht noch schneller sinkt.

Edit: Kuzmany legt die Probleme mit den Massnahmen der EU-Regierungen detailliert dar.

Bologna war’s nicht so richtig

23 Apr

Drei Jahre Uni – und fertig ist der Abschluss. Aber was taugt der Bachelor fürs Berufsleben? Laut einer Umfrage sind deutsche Unternehmen mit den Absolventen immer unzufriedener. schreibt der Spiegel. Dabei sollte der Bachelor doch so toll sein – die Uniausbildung praxisorientierter machen, ohne zu berücksichtigen, dass es dafür ja bereits Fachhochschulen gab.

Und nun macht die neoliberale Ausbildungsmühle den Studenten mehr Stress:

Die Abbruchquote unter Studienanfängern sei mit knapp 30 Prozent viel zu hoch.

und das angebliche Ziel wurde auch nicht erreicht…

Alles Kommunisten

20 Apr

Am Samstag haben deutschlandweit reichlich Leute gegen TTIP protestiert – mit gutem Grund, denn zwischen Absenkung von Sozialstandards, Vorkonsultationsrecht von Konzernen bzgl. demokratischer Gesetzgebung und privaten Schiedsgerichten, um ebendiese Gesetzgebung nachträglich aushebeln zu können, gibt es eigentlich nix, was für das Abkommen spräche.

Der Spiegel entblödet sich nicht,

TTIP-Protesttag in Deutschland: Kostümiert gegen den Kapitalismus

zu titeln. Wohlgemerkt kommt “Kapitalismus” und auch alle abgeleiteten Formen in dem Artikel gar nicht vor und auch die zitierten TTIP-Gegner drücken keinen Wunsch nach dem Umsturz des Wirtschaftssystems aus.
Aber so macht man halt Propaganda – erst setzte man Kapitalismus mit Demokratie gleich, nun sogenannten Freihandel mit Kapitalismus…und schon sind die, die einen regulierten Kapitalismus wollen, die Bösen.

Dreckshaustierfetischismus

20 Apr

Laut Spiegel ist eine Tierärztin in den USA gefeuert worden, weil:

Das Foto zeigt Kristen Lindsey, sie steht in einem Gebüsch, stolz hält sie einen Pfeil in den Händen, an dessen Ende ein Kater baumelt. Das Geschoss hat sich durch den Kopf gebohrt. Offenbar hatte Lindsey keine Zweifel, das Richtige getan zu haben.

Sie arbeitete als Tierärztin in Brenham, Texas. Und dachte wohl, es mit einem Streuner zu tun zu haben. Schuss, Treffer. Sie postete das Foto auf ihrer Facebook-Seite und schrieb: “Nur ein wilder Kater mit einem Pfeil im Kopf ist ein guter Kater! Preis für die beste Tierärztin des Jahres … mit Freude entgegengenommen.”

Das sind also die Fakten: (vermeintlich) streunende Katze, Tötung ohne Qual durch jemanden, dessen Auftrag das ist. Allerdings half ihr das alles nix – Shitstorm im Netz, ihr Arbeitgeber feuerte sie.

Das Ganze in einem Land, in dem es einen Haufen Idioten gibt, die Wildtierjagd als Hobby ansehen, in dem Allesfresser tonnenweise Fleisch vertilgen und dessen Biotope schon genug unter Druck sind, auch ohne, dass man Haustiere verwildern lässt.

Gibt ja doch noch Qualität bei SPON

10 Apr

Und dann veröffentlicht Spiegel Online sowas wie Drake und “die Straße”: Ist das noch HipHop? und ich frag mich, warum sowas so selten vorkommt (also, abgesehen von den nicht-rechten Kolumnisten):

Aber Journalisten tun sich ungewöhnlich schwer mit ihm. Jüngstes Beispiel ist ein Text im Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” vom Donnerstag.

Unter der Überschrift “Hip-Pop” bezeichnet der Autor Drake als “einen der höchstgehandelten Rapper des Planeten” und bescheinigt ihm, dass sein Album die “HipHop-Platte des Jahres” hätte werden können, wenn nicht Kendrick Lamar dazwischengekommen wäre. Gleichzeitig hätten Vorwürfe, dass Drake “zu emotional, zu effeminiert, zu weich” sei, ihre Berechtigung. Denn, so das Fazit des Artikels: “Das ist keine Musik von der Straße, und deswegen ist es kein HipHop.”
[…]
Drakes jüdische Abstammung verschweigt der “SZ”-Artikel, dabei bekommen die Vorwürfe, er sei kein richtiger Kerl, vor diesem Hintergrund noch eine andere Konnotation. Jüdischen Männern ihre Virilität abzusprechen, ist seit Langem ein wichtiger Bestandteil von Antisemitismus. So wird die Stoßrichtung des Textes, als weißer Deutscher in einem bildungsbürgerlichen Medium einem schwarzen Kanadier abzusprechen, HipHop zu machen, politisch noch zweifelhafter, als sie es eh schon ist.
[…]
Noch schwieriger wird es bei der Ex-negativo-Definition, die folgt: “HipHop, der nicht von der schwarzen, amerikanischen Straße kommt, ist fast ausnahmslos Kitsch.” Das mag für den Stuttgarter HipHop der Neunzigerjahre, den der Autor zum Beweis anführt, zutreffen. Aber zum Aufrechterhalten dieser Definition von HipHop muss man schon in der deutschen Vergangenheit bleiben, denn in der amerikanischen Gegenwart käme man nicht um Kanye West herum – das schwarze Professorenkind, das bereits vor elf Jahren mit seinem Debütalbum “The College Dropout” das Sound- und Themenspektrum von HipHop maßgeblich erweiterte. Doch West, der auch noch Drakes Mentor ist, wird in dem “SZ”-Artikel kein Mal erwähnt.
[…]
Bezeichnenderweise hat sich in den USA im vergangenen Jahr eine ähnliche Debatte entzündet – allerdings an der weißen Rapperin Iggy Azalea. Die Australierin war in die Kritik geraten, weil sie in ihrem Song “Leave It” die Sprechweise afroamerikanischer Südstaatler imitierte (“Who dat, who dat?”). Als sich Azalea schließlich in dem Song “D.R.U.G.S” als “runaway slave master” bezeichnete, trat die schwarze Rapperin Azealia Banks auf Twitter eine hitzige Debatte darüber los, ob Iggy Azalea die Wurzeln von HipHop in der schwarzen Kultur verhöhne.

Die “SZ” griff die Debatte um Iggy Azaleas Aneignung von HipHop damals nicht auf. Zuvor hatte sie allerdings lobend über Azaleas Debütalbum (“eines der erstaunlichsten Identitätsexperimente”) geschrieben und sie indirekt als von Schwarzen Marginalisierte bezeichnet: “Eine sehr blonde, große weiße Frau, Typ Model, also eine, die bislang nur als Trophäe im Hintergrund von Rap-Videos lasziv herumeiern durfte.”

Wenn Weiße das ethnische und sozioökonomische Spektrum von HipHop erweitern, scheint das also nicht nur akzeptabel, sondern künstlerisch aufregend zu sein. Bei Schwarzen führt ein ähnlicher Vorstoß hingegen zur Aberkennung der Mitgliedschaft in der HipHop-Community – jedenfalls in der “SZ”, die damit musikalische Ghettoisierung betreibt.

Die Heuchelei tropft wieder mal dick

10 Apr

Alexis Tsipras hat Angst davor, zu links zu sein und will am Euro festhalten, also versucht er, anderswo Kredite einzutreiben (da ihn die Troika ja an der kurzen Leine hält, ausser er führe die Sparidiotie fort). Unter anderem in Russland. Und jetzt melden sich die diversen Heuchler zu Wort, z.B. der ukrainische Wirtschaftsminister:

Auch die Ukraine kritisiert den Besuch ungewöhnlich scharf. “In unserem Land wurden Menschen verschleppt, verprügelt, gefoltert und haben ihr Leben verloren, weil sie für die Werte Europas aufgestanden sind”, sagte der ukrainische Wirtschaftsminister Aivaras Abromavicius dem “Tagesspiegel”. “Es ist enttäuschend zu sehen, dass einige Nationen in Europa kurzzeitige ökonomische Vorteile über das Leben von Menschen heben.”

Das ist schon bemerkenswert – das ist der Wirtschaftsminister eines Landes, dessen Regierung grad auf den Austeritätszug aufspringt (um vom IWF Dollarkredite zu erhalten), und auf diesem Wege den Lebensstandard eben dieser Bevölkerung, die für Demokratie auf die Strasse ging, so richtig versauen wird.

Zweitens ist die russische Regierung anscheinend bereit, den Importstop für Südfrüchte zu lockern, was der griechischen Landwirtschaft ein bisschen zu gute kommen würde. Das mögen die deutschen Bauern gar nicht:

Der Deutsche Bauernverband warnte Griechenland umgehend vor einem Ausscheren aus der EU-Politik gegenüber Russland: “Ich erwarte schon von einem EU-Mitgliedsstaat, dass er die außenpolitische Linie der EU zu hundert Prozent mitträgt”, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Das russische Agrar-Embargo sei als Gegenmaßnahme nach den europäischen Wirtschaftssanktionen verhängt worden. “Insofern trifft es alle EU-Mitgliedsstaaten und es wäre fatal, wenn da jemand ausscheren würde”, sagte Rukwied.

Um das mal zu übersetzen: “Wir haben Euch finanziell als Geisel genommen, Sparidiotie verordnet, so dass Eure Wirtschaft am Boden liegt und 25% Eurer erwerbstätigen Bevölkerung arbeitslos sind. Dann haben wir Sanktionen gegen Russland verhängt und die Gegensanktionen haben dem bisschen, was Ihr noch an Exportsmöglichkeiten hattet, den Boden unter den Füssen weggezogen. Und nun erwarten wir, dass Ihr gefälligst solidarisch mit uns unsolidarischen Arschlöchern seid!”