Archive | March, 2015

Was war’s denn dann?

31 Mar

Die Regierung reagiert auf den Flugzeugabsturz in den Alpen, als ob es sich um einen Anschlag handeln würde – und entwertet so ihre symbolischen Mittel.

schreibt Fleischhauer in der Bild im Spiegel. Ohne in Vorverurteilungen versinken zu wollen: falls es im Endeffekt tatsächlich darauf raus läuft, dass der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich in den Berg steuerte, was war’s dann dann?

Können wir uns vielleicht mal von der Vorstellung lösen, dass weisse Männer, die dutzende Menschen töten, keine Anschläge begehen?

Was haben die denn geraucht?

23 Mar

Laut Spiegel Online langt das Instituts für Weltwirtschaft (IfW), richtig zu:

Aufgrund der starken Aufschwungkräfte werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) über mehrere Jahre hinweg stärker zulegen als das Produktionspotenzial. Erst 2019 könnte sich der BIP-Zuwachs wieder spürbar verlangsamen.
[…]
Die Preise dürften in den kommenden Jahren merklich anziehen, sagen die IfW-Forscher voraus. Die Inflationsrate könnte sich bis 2019 der Drei-Prozent-Marke nähern.

Es gibt keinerlei Anzeichen für irgendwas davon: das Wirtschaftswachstum in Deutschland kriecht vor sich hin, von Resteuropa ganz zu schweigen, die Inflation schwächt sich mehr und mehr ab und ist in vielen Ländern schon reine Deflation und der Lohnabschluss, den die IG Metall grad unterschrieb, ist auch nicht toll.

Das Ganze basiert nur auf einem fehlerhaften theoretischen Gebäude und wenn dann nichts davon eintrifft, wird’s wieder keiner zugeben.

Und ist ja nicht so, als sei dieser Schwachsinn neu, wie ausgerechnet die FAZ nachweist:

„Ich glaube, dass die Inflationsrate stark steigen wird: über fünf Prozent. Alle Erfahrungen zeigen, dass Länder, die hoch verschuldet sind, zur Inflation neigen.“

Joachim Starbatty, Wirtschaftsprofessor, 22. April 2010.

„Wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen, gebe ich mein Diplom als Bonner Volkswirt zurück und bin bereit, alles neu zu lernen. 2013 wird der Index der Verbraucherpreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt zwischen 2,0 und 2,4 Prozent steigen.“

Thilo Sarrazin, ehemaliger Bundesbank-Vorstand, 30. Dezember 2012.

„Ich rechne für Deutschland in den kommenden Jahren mit bis zu vier Prozent Inflation.“

Jürgen Stark, ehemals EZB-Direktoriumsmitglied, 5. Juli 2013.

„Die Konsequenz wird schlussendlich Inflation sein. Aber das ist ein Preis, den wir für Europa zahlen werden müssen.“

Anshu Jain, Ko-Chef der Deutschen Bank, 16. September 2013.

„Wir rechnen mit drei bis vier Prozent Inflation über mehrere Jahre. Schon 2013 wird eher eine Drei als eine Zwei vor dem Komma stehen.“

Bankhaus Metzler, 23. September 2013.

Alltägliche Misogynie

5 Mar

In den ersten zehn Jahren müssen Sie ranklotzen

heisst’s beim Spiegel – es geht um’s Gehalt. Und bebildert wird das dann so:

Die Frau auf den Knien, der Mann ihr abschätzig auf den Hintern starrend, sie Geld zusammenraffend. Das Ganze zu einem Artikel, in dem es noch nicht mal explizit um Männer und Frauen geht.

Der Spiegel versteht VWL nicht nur mit Bezug auf Deutschland nicht

4 Mar

Wettlauf mit den USA: China rüstet trotz Wachstumsschwäche kräftig auf

titelt der Spiegel und zeigt erneut, dass der grösste Teil der Redaktion keinerlei Ahnung von VWL hat. Rüstungsausgaben stellen Nachfrage dar – falls die Erhöhung der Rüstungsausgaben nicht komplett in den Erwerb von Produkten aus dem Ausland fliesst, trägt sie dementsprechend zur Binnennachfrage und damit zum Wachstum bei.

Ob solche Ausgaben sinnvoll sind, darüber kann man streiten, darüber, ob Staatsausgaben (die nicht in Aktien oder ähnliches fliessen) die Nachfrage beleben und damit das Wachstum stärken, hingegen nicht.

Unangenehme Wahrheiten verschweigt man in Indien lieber

4 Mar

Einer der indischen Gruppenvergewaltiger von 2012 ist interviewt worden und hat widerliches von sich gegeben:

Der Mann, der für die Tat zum Tode verurteilt wurde, sagte in einem Dokumentarfilm unter anderem, die Frau hätte die Gruppenvergewaltigung überlebt, wenn sie stillgehalten hätte.
[…]
In seinen Kommentaren gibt der Verurteilte durchgängig Mädchen und Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung – sie hätten bei Nacht schließlich draußen auf der Straße nichts zu suchen: „Ein Mädchen ist bei weitem viel mehr verantwortlich für einen Vergewaltigung als ein Junge“, sagt Singh unter anderem in dem Dokumentarfilm. „Ein anständiges Mädchen wird nicht um neun Uhr abends noch draußen rumstreifen(…) Hausarbeit ist für Mädchen, nicht in Discos und Bars in der Nacht rumhängen, falsche Dinge tun und falsche Kleidung tragen.“

Die Todesstrafe, die er und seine drei Komplizen aufgrund eines schnell verschärften Gesetzes bekamen, bedroht seiner Ansicht noch eher das Leben von Vergewaltigungsopfern. „Wenn sie jetzt ein Mädchen vergewaltigen, werden sie es nicht zurücklassen, wie wir es taten. Sie werden es töten“, sagte Singh.

Gerade auch angesichts der Kommentare, die einige indische Politiker im Wahlkampf abliessen, sollte ein Schlaglicht auf solche Einstellungen geworfen werden. Das mag die indische Polizei allerdings gar nicht:

Die Polizei in Neu-Delhi will ihn aber gerichtlich stoppen lassen, wie Chef B. S. Bassi am Dienstag sagte.
[…]
Zwischen den Gefängnisbehörden und Udwin brach aufgrund der bekannt gewordenen Kommentare Singhs ein Streit darüber aus, ob sich die Filmemacherin an das vereinbarte Prozedere gehalten habe. Nach Darstellung einer Sprecherin des Gefängnisses, in dem Udwin den Vergewaltiger interviewte, sollte der Film vor seiner Ausstrahlung von den Behörden genehmigt werden.

Besser, als ich es hätte schreiben können

4 Mar

Wenn man Lehrer schreiben lässt, statt Journalisten, sieht die Abwägung Beamte/Angestellte schon ganz anders aus:

Das Leben als Beamter ist ein verlässliches Geben und Nehmen. Mit der richtigen Idee werden Leute in der freien Wirtschaft zu Millionären, mit der falschen zu Sozialhilfeempfängern. Andere schuften täglich für das Nötigste und haben überhaupt keine Zeit oder Kraft für irgendwelche Ideen. Sie alle zahlen Steuern, mit denen der Staat meine Kollegen und mich bezahlt. Dafür erbringen wir eine Dienstleistung – wiederum für alle.

Mein Gehalt macht mich nicht reich. Der Staat bezahlt mich nicht nach Leistung, es gibt keine Boni für erfolgreiche Vertragsabschlüsse und keine Steuertricks in Form von Dienstwagen. Aber ich komme gut zurecht. Für Hochzeit und Kind gibt es zum Beispiel jeweils einen Hunderter brutto mehr, für ein drittes Kind sogar 244,91 Euro. Dazu werden bis zu 70 Prozent der Krankenversicherung übernommen.
[…]
Außerdem bin ich – wenn ich keine groben Fehler begehe – auf Lebenszeit verbeamtet. Ich werde nicht unverschuldet in Not geraten wie Selbstständige bei einer Unternehmenspleite oder Angestellte bei betriebsbedingten Kündigungen. Auch deshalb bekomme ich bessere Konditionen bei Krediten. Hinzu kommen die hohen Pensionen und die relativ gute Absicherung bei Berufsunfähigkeit.

Mein Beamtenstatus prägt auch das Verhältnis zum Schulleiter. Zwar ist er mir weisungsbefugt, aber ich muss seinetwegen nicht um meinen Job fürchten, was mir viele Freiheiten gibt: Ich kann offen Kritik üben und meine Meinung vertreten. Vor allem aber bin ich in meinen Entscheidungen über Lehrstoff und Noten nur meinem Amt verpflichtet und anderen gegenüber unabhängig.

Und wenn ich ein Problem habe, gehe ich zum Personalrat, einer etablierten Institution an der Schule. Als ich einer Bekannten nach einem Streit mit ihrem Chef riet, sich an den Personalrat zu wenden, schaute sie mich nur entsetzt an: “Da kann ich ihm auch gleich die Reifen aufstechen!”

Neoliberale Lösungen: wenn Leute schlecht bezahlt werden, sollte man die berufliche Sicherheit ihrer Kollegen verringern

3 Mar

Lehrer sind in Deutschland häufig verbeamtet. Im Osten haben sich einige Länder entschlossen, das zu ändern und haben auch angestellte Lehrerstellen geschaffen. Im Westen wurde nachgezogen, mit den erwartbaren Effekten:

In westdeutschen Ländern, die es den Ost-Ländern nachmachten, entstand allerdings eine Zweiklassengesellschaft in den Lehrerzimmern. Junge Kollegen arbeiten als Angestellte, mitunter nur befristet. Manche werden sogar vor den großen Ferien entlassen und danach wieder eingestellt, weil das dem Land Kosten spart. Die meist verbeamteten älteren Kollegen sind deutlich bessergestellt.

Im Unterschied zum Schlachtruf der “education-for-profit”-Fraktion und derer, die am liebsten auch alle Wissenschaftler nur noch befristet anstellen wollen, weil Beamte angeblich keine Motivation mehr haben, Leistung zu liefern, sind Angestellten nicht die besseren Lehrer:

Sachsen, wo alle Lehrer angestellt sind, hat wie Bayern, wo die meisten Lehrer noch Beamte sind, eines der leistungsfähigsten Schulsysteme des Landes.

Diese Mischung aus Prekariat für angestellte Lehrer, ohne dass dies durch irgendwie geartete Vorteile aufgewogen würde, könnte man nun zum Anlass nehmen, dafür zu plädieren, dass das Experiment eingestellt und alle Lehrer wieder verbeamtet werden.

Oder man ist Christoph Titz und schreibt im Spiegel:

Weniger Geld, weniger Sicherheit: Im Vergleich zu ihren verbeamteten Kollegen sind angestellte Lehrer vielerorts schlechtergestellt. Ihr Streik ist daher sinnvoll. Noch sinnvoller wäre es, das Beamtentum für Lehrer flächendeckend abzuschaffen.

Passend dazu ist die Option der beruflichen Sicherheit für Lehrer als Begründung für die Verbeamtung in der Abstimmung gar nicht enthalten:

Sollten alle Lehrer als Angestellte beschäftigt werden?

Nein, das Berufsbeamtentum verpflichtet sie zur Loyalität mit dem Staat, sie übernehmen eine wichtige hoheitliche Aufgabe.
Nein, allein schon wegen des Streikverbots sollten alle Lehrer Beamte sein.
Ja, die Ungleichbehandlung in den Lehrerzimmern muss aufhören.
Ja, es genügt, wenn Richter und Polizisten Beamte sind.
Ich verstehe die Frage nicht.