Deflation wird gezielt falsch dargestellt und zur Verschleierung verwendet

8 Jan

Die sich immer weiter verlangsamende Inflation in der Eurozone, die in einigen Ländern bereits in offene Deflation umgeschlagen ist, ist eine direkte Folge der Austeritätspolitik:

  1. Ausgabenkürzungen der öffentlichen Hand, ob nun direkt bei Renten, Arbeitslosenunterstützung, Beamtengehältern, oder indirekt mittels Einstellungsstopps und verringerten Aufträgen für den Privatsektor, verringern die Nachfrage
  2. Verringerte Nachfrage bei unverändertem (weil im Voraus produzierten) Angebot führt zu sinkenden Preisen

Das führt dann im nächsten Schritt zu Profitminderungen, das wiederum zu Entlassungen im Privatsektor, womit die Nachfrage sinkt und sich die Deflation selbst verstärkt. Das ist der Grund, warum Deflation so riskant für eine Volkswirtschaft ist. Allerdings hiesse das zuzugeben ja, dass deutsche Politiker und Ökonomen ihre Fehler zugeben und korrigieren müssten und das darf natürlich nicht sein.

Also muss man sich ein Sprachrohr suchen, in dem man verkünden kann, dass Deflation eigentlich toll ist und landet dann (u.a.) beim Spiegel (” Reaktion auf Deflationsstatistik: “Ein Segen für die lahmende Konjunktur”):

Die meisten Ökonomen teilten jedoch mit, sie hätten keine Angst vor einer schädlichen Deflationsspirale, also einem anhaltenden Preisverfall auf breiter Front, der zu sinkenden Löhnen und nachlassenden Investitionen führen und somit die Wirtschaft lähmen kann.

“Auf keinen Fall” müsse man sich nun Sorgen um eine solche Entwicklung machen, sagt etwa Berenberg-Analyst Holger Schmieding. Das Verbrauchervertrauen – und damit die Kauflaune – in der Eurozone sei ziemlich hoch. Es gebe keine Zeichen dafür, dass Verbraucher nun in Erwartung weiter fallender Preise Kaufentscheidungen aufschöben. Zudem erleichterten die niedrigen Energiekosten es Schuldnern, ihre Kredite zu bedienen.

und ” Deflation in der Eurozone: Wen die fallenden Preise treffen”:

Doch die fallenden Ölpreise könnten helfen, die lahmende Wirtschaft anzukurbeln: Verbraucher haben dadurch mehr Geld in der Tasche, das sie in die Läden tragen können. Unternehmen sparen ebenfalls viel Geld, da Energie meist einen großen Teil ihrer Produktionskosten ausmacht.

Gerade zum letzten hat Flassbeck in Billiges Öl: Konjunkturprogramm für die Welt? alles Relevante geschrieben:

Wenn der Ölpreis fällt, gibt es, genau wie bei einem Anstieg, immer zwei Seiten der Medaille. Sinkende Ölpreise bedeuten für die Produzenten von Öl sinkende Erträge aus dem Ölverkauf und in der Regel sinkende Einkommen. Für die Konsumenten von Öl bedeutet es ein Zuwachs an Kaufkraft, weil sie mit dem bei ihnen vorhandenen Einkommen mehr von anderen Gütern kaufen können als zuvor. Für die Konsumenten liegt also ein positiver sogenannter terms-of-trade-Effekt vor (das ist der Effekt, der auftritt, wenn sich die Preise der Güter, die ich verkaufe, anders verhalten als die Preise der Güter, die ich kaufe), für die Ölanbieter ein negativer. Am Einkommen der Welt insgesamt ändert sich als unmittelbare Folge des Ölpreisrückganges zunächst gar nichts.

Die entscheidende Frage für die Konjunktur ist, wie die Produzenten und Konsumenten von Öl jeweils auf die Einkommensentwicklung mit ihrer Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen reagieren. Schränken die Produzenten ihre Nachfrage nach allen anderen Gütern wegen ihres Einkommensrückgangs genauso stark ein, wie die Konsumenten ihre Nachfrage dank Einkommensausweitung ausweiten, passiert nichts: Die globale konjunkturelle Lage bleibt, wie sie ist, es gibt „nur“ starke regionale Verschiebungen. Länder wie etwa Deutschland, die bisher sehr erfolgreich die Ölproduzenten mit anderen Gütern belieferten, verlieren tendenziell bei ihrer Exportnachfrage, Länder, die stärker auf ihre Binnennachfrage ausgerichtet sind und/oder hauptsächlich Industrieländerkunden und weniger Ölproduzenten unter ihren Exportnachfragern haben, gewinnen.

D.h. gerade für die deutsche Exportindustrie ist die Nachfragebelebung fragwürdig. Der Spiegel tritt noch mal nach:

Es gibt noch eine Gruppe von Europäern, für die die fallenden Preise grundsätzlich schlechte Nachrichten bedeuten: die Finanzminister. Sie können nun nicht darauf zählen, dass die von ihnen verwalteten Staatsschulden aufgrund der Teuerung leichter zu bezahlen sind, also quasi “weginflationiert” werden.

und ignoriert komplett, dass

Hinzu kommt, dass viele Unternehmen während einer Deflation nicht nur in eine Verlustsituation, sondern auch in gravierende Liquiditäts- und Solvenzprobleme geraten können, die aus der Erhöhung der realen Schuldenlast als Folge des sinkenden Preisniveaus entstehen. Bei unveränderten nominalen Verbindlichkeiten – sie lassen sich nicht kurzfristig reduzieren, da die Schuldenbestände der Unternehmen oft über Jahrzehnte aufgebaut worden sind und Kreditverträge häufig lange Laufzeiten aufweisen – sehen sich die Unternehmen mit sinkenden nominalen Umsatzerlösen konfrontiert. Die mit dem Anstieg der Realschulden verbundenen Liquiditäts- und Solvenzprobleme können den Zusammenbruch einer großen Zahl von Unternehmen (und auch überschuldeter Haushalte) zur Folge haben, der wiederum das Bankensystem in Gefahr bringt.

wie Günther Grunert in Griechenland: Als Wachstumssieger zurück in die Krise? darlegt. D.h., Inflation würde auch den verschuldeten Privathaushalten helfen, ihre Schulden loszuwerden und die freigewordenen Tilgungszahlungen könnten in den Konsum fliessen.

Grunerts Artikel weisst schliesslich auf eine letzte Nutzung der Deflation hin:

Die Veröffentlichung der neuesten Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Euroraum für das dritte Quartal 2014 durch das Statistikamt Eurostat hatte gezeigt, dass Griechenland (zusammen mit Slowenien) mit einem Wachstum des saisonbereinigten BIP von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal den höchsten Wert aller Euroländer verzeichnete.
[…]
Was aber bedeutet ein Wachstum des BIP von 0,7 Prozent in einem Land, das – wie Griechenland – in einer offenen Deflation steckt?
[…]
Bei der Beantwortung der Frage ist zunächst zu beachten, dass es sich bei den 0,7 Prozent um eine Berechnung der Wachstumsrate der Wirtschaftskraft in realen Größen handelt, bei der das in aktuellen Preisen gemessene BIP zu Preisen der unmittelbaren Vorperiode bewertet wird. Diese reale Wachstumsrate des BIP schaltet mithin den Einfluss aktueller Preisänderungen (von der jeweils letzten Zeitperiode) aus und gibt an, um wieviel die Produktion in der betrachteten Periode mengenmäßig zugenommen hat. Deshalb sollte die Wachstumsrate des realen BIP ungefähr (mathematisch genau ist es noch etwas anders, aber das spielt für den hier interessierenden Punkt keine Rolle) der Differenz zwischen der Wachstumsrate des nominalen BIP (also des BIP zu laufenden Preisen) und der Wachstumsrate des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus (also der Inflationsrate) entsprechen.

Die Inflation lässt sich unterschiedlich messen; die gebräuchlichsten Maße sind der BIP-Deflator und der Verbraucherpreisindex. Der BIP-Deflator ist definiert als das Verhältnis von nominalem zu realem BIP: nominales BIP/reales BIP x 100. Er ist eine Indexzahl und misst die Preisentwicklung aller produzierten Güter. Soll der Durchschnittspreis aller Konsumgüter bestimmt werden, kommt ein anderer Index, nämlich der Verbraucherpreisindex, zur Anwendung. Bei ihm wird versucht, mit Hilfe eines repräsentativen Warenkorbes die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen zu berechnen, die von den privaten Haushalten zu Konsumzwecken gekauft werden.

Beide Indizes zeigen für Griechenland eine ausgeprägte Deflation (= negative Inflationsraten) seit Anfang 2013 an. Bei Verwendung des BIP-Deflators ergibt sich für das Jahr 2013 eine Inflationsrate von -2,8 Prozent, für 2014 schätzt die EU-Kommission einen Wert von -1,5 Prozent (vgl. Abbildung 1).
[…]
Die Talsohle, die die amtlich ausgewiesenen Daten zum realen BIP beschreiben, spricht jedenfalls nicht dafür, dass sich die reale Einkommenssituation in Griechenland insgesamt spürbar verbessert hat. Das gilt umso mehr, wenn man auf die Daten zum nominalen BIP schaut. Dieses zeigt am aktuellen Rand bestenfalls eine Stagnation, aber keinesfalls einen Aufschwung. Woher sollte der auch in einem deflationären Umfeld herkommen? Vielmehr liegt der Schluss nahe, dass das so lautstark in der Presse gefeierte reale Miniwachstum der griechischen Wirtschaft in erster Linie die Folge davon ist, dass die Preise inzwischen schneller fallen als die Einkommen. Die Zweifel daran, es könne ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar werden oder gar eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung der griechischen Wirtschaft bevorstehen, erhärten sich noch, wenn man die Industrieproduktion oder den (realen) Einzelhandelsumsatz in Griechenland hinzuzieht, die beide keine Anzeichen dafür erkennen lassen, dass der Abwärtstrend schon gestoppt ist.”

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