Der Unterschied zwischen Journalismus und Meinungsmache am Beispiel von MH17

10 Sep

Der technische Untersuchungsbericht zum Absturz von MH17 ist nun (endlich) vorgelegt worden und findet:

Der Absturz der Malaysian-Airlines-Maschine des Flugs MH17 über der Ostukraine hat eine „externe“ Ursache. Zu diesem Ergebnis kommt der vorläufige Bericht über die Hintergründe der Katastrophe vom 17. Juli dieses Jahres, den die niederländische Untersuchungsbehörde am Dienstag in Den Haag veröffentlichte.
[…]
Die Verbreitung der Wrackteile weist demnach darauf hin, dass die Boeing 777-200 in der Luft „in Stücke brach“, nachdem sie „von einer großen Zahl an Objekten mit hoher Geschwindigkeit durchbohrt wurde“. Weiter heißt es, es gebe keine Hinweise darauf, dass technische Fehler oder Handlungen der Crew den Absturz der Maschine verursacht hätten. Ein Notruf sei bei der ukrainischen Flugverkehrsleitung nicht eingegangen.

So weit stimmen alle Medien überein. Allerdings muss man zugeben, dass das auch wirklich nicht überraschend war – selbst die Rebellen in der Ostukraine haben nix anderes behauptet. Man erinnert sich: jene Rebellen, denen von der ukrainischen Regierung und der NATO angelastet wurde, sie hätten das Flugzeug mit einer BUK Boden-Luft-Rakete abgeschossen.

Zu dem Thema trifft der Untersuchungsbericht laut TAZ keine Aussage:

Weitere Nachforschungen seien nötig, um genauer festzustellen, was den Crash verursachte hat und wie das Flugzeug auseinanderfiel. Bis heute sei es nicht möglich gewesen, die Wrackstücke genauer zu untersuchen. Die anhaltenden Kämpfe zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten im Absturzgebiet hätten die Aufklärungsarbeit erheblich behindert. Auffallend ist der ausgesprochen vorsichtige Tonfall des Reports.

Das Wort Rakete komme nicht ein einziges Mal vor, betonte der öffentlich-rechtlichen TV- Sender NOS. Tjibbe Joustra, Leiter des Sicherheitsrats, sagte, dies sei eine bewusste Entscheidung, um sich von Spekulationen fernzuhalten. Bereits im Vorfeld des Berichts wurde betont, dieser behandle nicht die Schuldfrage, sondern die Ursache des Absturzes.

Allerdings hält das den Spiegel nicht davon ab, so anzufangen:

Der vom niederländischen Sicherheitsrat OVV veröffentlichte Zwischenbericht zu der im Juli über der Ostukraine abgestürzten Boeing 777 stützt indirekt die These, wonach die Maschine durch eine Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.

und die Süddeutsche so:

Die Beschädigungen könnten Experten zufolge auf Einschläge einer Buk-Rakete hindeuten.

Weder Spiegel noch Süddeutsche erbringen allerdings irgendwelche Beweise für diese Verknüpfung – keine Links, keine Zitate oder Identifikation der “Experten”. Nichts!

Die TAZ verweist hingegen darauf, wer derartige Vermutungen ausspricht:

Dessen ungeachtet gehen die Diskussionen in den Niederlanden weiter. Die Beschädigung an Cockpit und Vorderseite des Rumpfs seien typisch für eine BUK-Rakete, so ein Bericht der Volkskrant. Auch der Luftfahrtexperte Joris Melkert von der Technischen Universität in Delft geht von einem Abschuss der Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete aus. Andere Theorien, wie etwa den Abschuss durch ein anderes Flugzeug, hält er für unwahrscheinlich.
[…]
Die Kiewer Regierung ieht sich durch den Untersuchungsbericht bestätigt. Aus seiner Sicht gehe daraus klar hervor, dass eine Boden-Luft-Rakete die Maschine zerstört habe, sagte Vizeregierungschef Wladimir Groismann. Die Regierungstruppen hätten keine Flugabwehrsysteme im Konfliktgebiet in der Ostukraine benutzt.

Wenn der Spiegel hingegen noch einmal betont:

Diese Beobachtung passt zu der These, wonach MH17 durch eine Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde. Ausdrücklich nennt der Zwischenbericht diese Erklärung jedoch nicht.

verlinkt die Redaktion einen Artikel vom Juli, der die New York Times zitiert, die Experten von IHS Jane’s zitiere, die angesichts eines Fotos diese Diagnose stellten. D.h., obwohl diese Behauptung und dieser Link verwendet werden, stammen die Grundlagen aus der Zeit vor der Veröffentlichung des Berichts.

Reines Faktenaufzählen ist kein Journalismus, interpretieren, beleuchten, verknüpfen sind ein integraler Bestandteil (der leider viel zu häufig vernachlässigt wird). Aber unbelegte Behauptungen aufzustellen und sie mit belegten Aussagen zu vermengen, das ist schlicht und einfach Meinungsmache.

(In bester Spiegelmanier gibt es auch einen deutlich solideren Artikel, der z.B.:

Der Report selbst nennt keinen möglichen Ursprung für die “schnell fliegenden Objekte”. Passen würde die Beobachtung wohl zum Beschuss mit einer Boden-Luft-Rakete vom Typ Buk, die über einen sogenannten Fragmentations-Gefechtskopf verfügt: Dieser wird von einem Radar-Näherungszünder ausgelöst, explodiert in unmittelbarer Nähe des Flugzeugs und durchlöchert es. Theoretisch denkbar wäre auch ein vor allem in den sozialen Medien diskutierter Abschuss durch die Bordkanone eines Kampfjets – diese Option halten die meisten Experten allerdings für unplausibel.

beinhaltet und da auch tatsächlich zu einer fundierteren Diskussion der Kritiker des aktuellen Verfahrens und einiger Versuche der Zurückweisung anderer Theorien verlinkt:

Militär- und Ballistikexperten zeigten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jedoch skeptisch. “Eine eindeutige Bestimmung kann anhand der Bilder nicht durchgeführt werden”, schreibt Manuel Fließ, Waffentechnik-Ingenieur und Sachverständiger für Schusswaffenspuren. Ausschließen könne er allerdings “aufgrund der Morphologie der Beschädigungen weder den Beschuss durch eine Boden-Luft-Rakete, noch durch eine Bordkanone”.

Nach Angaben des Rüstungskonzerns MBDA, der unter anderem Boden-Luft-Raketen herstellt, ist anhand von öffentlich verfügbaren Fotos der MH17-Wrackteile “keine zweifelsfreie Bewertung” der Absturzursache möglich. Experten der Firma hätten bei der Analyse der Bilder aber durchaus Erkenntnisse gewonnen. So deute die dichte Verteilung der Löcher in der Außenhaut des Flugzeugs auf die “Detonation eines relativ großen Splittergefechtskopfs mit natürlicher Splitterverteilung (breites Spektrum an Splittergrößen)” hin. Dies würde zum “Buk”-Abwehrsystem passen: Seine Raketen nutzen großformatige Fragmentationssprengköpfe, die in der Nähe des Ziels detonieren.

Man bemerke die vorsichtigen Formulierungen, die hervorragend zu denen des Untersuchungsberichts passen.)

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