Bloss ja keine linke Kritik zulassen

8 Aug

Lasst es uns mit Marx versuchen titelt die TAZ und beschreibt das Phänomen, dass marxsche Einsichten in den USA wieder ein bisschen mehr Verbreitung finden, Grosse Depression 2.0 sei Dank. Die Hauptstossrichtung des Artikels besteht darin, diese Entwicklung herablassend zu behandeln:

Wenn jemand das Label, „Marxist“ zu sein, in den vergangenen Jahren als Selbstbezeichnung vor sich hertrug, dann bedeutete das oft: Meine Radikalität ist vor allem eine Markierung der Differenz, ich bin anders, nicht Mainstream.

Was kümmern mich die reale Welt und die normalen Menschen. Immerhin habe ich den Zuspruch derer, die mein Denken teilen, also meiner drei besten Freunde und des Vernissagenpublikums.
[…]
In den USA wird in diesem Frühsommer das „Comeback von Marx“ ausgerufen, weil eine junge Generation Intellektueller die radikale Kritik entdeckt. Hauptgründe sind: Die Gründung des linken Magazins Jacobin, die Wendung der Gruppe kritischer Intellektueller um die Zeitschrift n+1 in Richtung Marxismus und vor allem das neue Buch des Starliteraten Benjamin Kunkel, „Utopia or Bust“.

Die Unschärfe dieses Artikels ist deprimierend. Zumindest die Unterscheidung zwischen Neokeynesianern und Postkeynesianern wäre wichtig gewesen:

Will man die Debattenlage, auf die Kunkel kritisch – oder anders gesagt: radikalisierend – abzielt, grob (der Kürze wegen: zu grob) zusammenfassen, könnte man so formulieren: Der Finanzcrash hat die intellektuelle Hegemonie des Neoliberalismus zusammenbrechen lassen. Es entsteht ein neuer postkeynesianischer Mainstream, der zwar nicht hegemonial ist, aber doch Terrain erobert.

Einflussreiche Ökonomen, von Joseph Stiglitz bis Paul Krugman und Thomas Piketty, prägen heute die Diskurse, die die Abkehr vom keynesianischen Arrangement als wesentliche Krisenursache ansehen und damit – implizit und oft auch explizit – die Deutung nahelegen, man müsse nur zum keynesianischen Projekt zurückkehren, schon könne man die globale Ökonomie wieder auf Prosperitätskurs bringen und zugleich gerechter machen.
[…]
Aber gerade das erlaubt es Kunkel, auf die Fragwürdigkeiten der post- oder neokeynesianischen Vorschläge hinzuweisen, und die fundierte ökonomische Bildung, die er sich in einem Jahrzehnt angelesen hat, verleiht diesen Hinweisen Hand und Fuß. Was also sind die berechtigten Einreden gegen das neokeynesianische Denken?

Die ersteren, wie der erwähnte Krugman, haben die soziologischen Aspekte Keynes ignoriert und versucht, die wirtschaftswissenschaftlichen in formale Modelle zu pressen, was laut Keynes schlicht nicht funktioniert. Als solche waren sie Steigbügelhalter des Neoliberalismus und wollen auch heutzutage nur Kleinstkorrekturen.

Die Postkeynesianer hingegen haben Keynes weiterentwickelt und sind dabei seinen Einsichten treu geblieben. Die wichtigste derartige Weiterentwicklung besteht darin, Geldkreisläufe eben nicht mehr im Goldstandard zu denken.

Aber da es dem Artikel ja darum geht, linke Kritik runterzubürsten, darf man das natürlich nicht unterscheiden oder gar würdigen:

Womöglich gibt es in einer zunehmend statischen Welt ohne große Wachstumsraten bei gleichzeitiger Überschuldung aller Wirtschaftssubjekte – Staaten, privater Haushalte, Banken – die keynesische Alternative gar nicht mehr. Also: Was, wenn Keynes nicht mehr funktioniert?

Sobald man sauber unterscheidet, versteht man nämlich auch, dass es eine Überschuldung von Staaten in ihrer eigenen Währung schlicht nicht geben kann! Um die wirtschaftslähmende Verschuldung privater Haushalte (und in geringerem Maße von Unternehmen) zu verhindern, muss der Staat mehr Geld ausgeben, als Steuern eingezogen werden.
Dass der Autor die Themen, die er zu besprechen meint, nicht versteht, wird spätesten klar, wenn er schreibt:

Bei aller Kritik am neuen neokeynesianischen Mainstream, ist [Kunkel] natürlich selbst ein halber Keynesianer. Einer, der die richtigen Fragen stellt, dann aber doch selbst formuliert, „globale Prosperität wird erst wieder zurückkehren mit der Entwicklung von Gesellschaften, in denen die Menschen in der Lage sind, zu konsumieren, was sie produzieren, und in der sie mit ihrer Arbeitskraft mehr produzieren“ – oder anders gesagt, wo ein Zustand der „Vollbeschäftigung“ herrscht. Das ist freilich, mit Verlaub, Keynesianismus pur.

Der Grund, warum die erfolgversprechenden Lösungsansätze, die die Beibehaltung des Kapitalimus beinhalten (vor allem Vollbeschäftigung, die allerdings sinnvollerweise mit einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung einhergehen muss), so sehr nach Keynes klingen, ist halt schlicht: weil Keynes Einsichten korrekt waren und es geblieben sind.

Dass sich Kapitalisten, im Versuch, der Beschränkung ihrer Macht zu entkommen, ihre Krisen selbst schaffen, und man deswegen den Kapitalismus wieder und wieder “retten” muss, das hingegen geht auf Marx zurück. Keynes behandelt die Symptome, Marx diagnostiziert die Krankheit. Insofern ist es doch ein gutes Zeichen, wenn einige ein bisschen weiter denken wollen als die Postkeynesianer

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