Archive | August, 2014

Der Spiegel hat ein verdammt kurzes Gedächtnis

14 Aug

oder er schreibt einfach Pressemeldungen um. Konkret titelt er “Deutsche Wirtschaft überraschend geschrumpft”:

Die Deutsche Wirtschaft schrumpft stärker als erwartet. Nach einem starken Jahresauftakt hat die Konjunktur im Frühjahr den Rückwärtsgang eingelegt. Im zweiten Quartal sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent zum Vorquartal gesunken, teilte das Statistische Bundesamt mit. Für die größte europäische Volkswirtschaft ist dies der erste Rückschlag seit 2012.

Mal ganz abgesehen davon, dass “der erste Rückgang seit 2012” für eine Volkswirtschaft, die auch gerade vom Spiegel immer wieder als “brummend” beschrieben wird, nicht sehr beeindruckend ist. Aber das ist der gleiche Spiegel, der vor ein bisschen mehr als einer Woche über die einbrechende Auslandsnachfrage schrieb. D.h., statt “überraschend” hätte man ein paar Sätze schreiben können, die das miteinander verknüpfen.

Allerdings ist der Spiegel nun eh nicht stark darin, Informationen zu verknüpfen. Unter Umständen ist das auch ein Churnalismeffekt, und dass die Bundesregierung ein Interesse daran hat, den Rückgang als “überraschend” darzustellen, da sie sonst vielleicht ein paar Korrekturen an ihrer Wirtschaftspolitk vornehmen müsste, das ist wiederum nicht überraschend.

Ja ja, die Wissenschaft ist schuld

11 Aug

Der Spiegel schreibt darüber, dass reichlich Promotionsstudenten abbrechen und kontrastiert den Idealismus derjenigen, die Wissenschaft betreiben wollen und die Realität im Wissenschaftsbetrieb:

Doch auch die Tätigkeit und die Zwänge in der Wissenschaft selbst und der Widerspruch zur “inneren Berufung” und der damit verbundenen idealistischen Vorstellung von Wissenschaft scheinen Promovierenden Schwierigkeiten zu bereiten. Das Ideal, der reinen Sache, das heißt der Schaffung neuen Wissens im Weber’schen Sinne um des Wissens selbst willen dienen zu wollen oder die Leidenschaft für ein neues Forschungsthema oder eine interessante Forschungsfrage trägt viele Promovierende in die Wissenschaft. Dort treffen sie auf Strukturen, die diesen Ansprüchen nicht gerecht werden oder ganz und gar widersprechen, aber genauso zum Wissenschaftsalltag gehören: Konkurrenzdruck und Leistungsdenken, spitze Ellenbogen von Kolleginnen und Kollegen, fehlende Freiheit bei Fragen- und Methodenwahl, die Abhängigkeit von Karriereoptionen und Geldgebern, Elitedünkel, das Aussortieren unbequemer Resultate, “Datenbeschönigungen” oder das Aufbauschen bescheidener Forschungsergebnisse.

Treffen an der Sache selbst interessierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf Effizienz- und Output-Orientierung in einer Wissenschaftswelt, die wie ein Industriebetrieb geführt wird, geraten sie in einen Zwiespalt: Unterwerfen sie sich dem Druck oder bleiben sie ihrem Ideal treu? Sie laufen Gefahr, in diesem System einfach unterzugehen, da sie zum Beispiel zu langsam arbeiten oder keine oder zu wenige publikationsfähige Ergebnisse produzieren. Die große Diskrepanz zwischen den Vorstellungen von Wissenschaft und der dann vorgefundenen Realität führt zu Frustration und Enttäuschung. Damit ist das Wissenschaftssystem selbst keineswegs unbeteiligt an Promotionsabbrüchen.

Continue reading

Eingriffe zur Unterstützung gewählter Zentralregierungen? Vllt., aber nur im Rahmen solider Regeln!

11 Aug

Die TAZ schreibt darüber, dass die Bundeswehr in Israel Ausbildung im Tunnelkampf kriegen soll:

Bis zu 250 Bundeswehrsoldaten sollen in Israel im Häuser- und Tunnelkampf ausgebildet werden.
[…]
Die Bundeswehr will sich dem Bericht zufolge mit der Ausbildung im Häuser- und Tunnelkampf für sogenannte asymmetrische Bedrohungsszenarien bei Auslandseinsätzen wappnen, in denen die Kontrahenten sich nicht mit gleichartigen Mitteln gegenüberstehen.

Diese “asymmetrischen Bedrohungsszenarien”, die da beschworen werden, die lassen sich ganz konkret übersetzen: wie aktuell in Gaza, wird es sich dann um Aufständische oder Milizen handeln, die sich im asymmetrischen Konflikt mit den Streitkräften einer Zentralregierung befinden.
(Ausser natürlich, es handelt sich um die Streitkräfte einer solchen Regierung, die einen Verteidigungskrieg gegen eine technologisch hochgerüstete Armee, wie die eines europäischen Staates, führt.)

Das ist das implizite Eingeständnis, dass solche Einsätze einer Einmischung in Bürgerkriege gleich kommen. Ganz ehrlich – grundsätzlich bin ich ja durchaus nicht gegen solche Einsätze. ABER nur dann, wenn die im Rahmen strikter moralischer Regeln erfolgen, die z.B. beinhalten, dass es sich um demokratisch legitimierte Regierungen handeln muss, die beinhalten, dass man einen Plan dafür hat, wie man einen Ausgleich zwischen den Unterstützern der Aufständischen und der Zentralregierung findet, und so weiter und so fort.

Kopf, ich gewinn, Zahl, Du verlierst

10 Aug

Sieht so aus, als ob die Sezessionisten in der Ostukraine dabei sind, die bewaffnete Auseinandersetzung zu verlieren. Und um noch eins draufzusetzen, wird jetzt laut verkündet, dass russische Streitkräfte kurz davor seien, einzumarschieren (alle Zitate Spiegel Online):

Die prorussischen Separatisten melden, dass ihre Hochburg Donezk eingekesselt sei. Auch in Luhansk stehen die Rebellen unter Druck. Nun wächst die Furcht vor einem russischen Einmarsch.

und

Die USA haben Russland davor gewarnt, in die Ukraine einzumarschieren. Humanitäre Hilfen dabei als Vorwand zu nutzen, wäre “vollkommen inakzeptabel”, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, am Freitag vor dem Uno-Sicherheitsrat in New York. “Jede weitere einseitige Intervention Russlands auf ukrainischem Territorium, darunter eine unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe wäre (…) zutiefst alarmierend”, so Power.

Continue reading

Was der Spiegel kann, kann die TAZ schon lange

8 Aug

Die TAZ behauptet zwar, ein linkes Blatt zu sein, aber manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich ein bisschen schämen, nicht im Chor des Mainstreams mitzusingen. Bei einigen Themen sind sie eh komplett auf der Mainstreamlinie, haben z.B. sehr konsequent gegen Putin angeschrieben, nur mit minimaler Kritik der neuen ukrainischen Machthaber gewürzt. Die TAZ ist auch ziemlich klar auf der Seite der israelischen Regierung (siehe letzten Eintrag).

Gestern, z.B., empört sich Cristina Nord darüber, dass Javier Bardem einen offenen, israelkritischen Brief verfasst hat. Das liest sich dann so:

Heftig empört er sich über die israelischen Militärschläge gegen Gaza; seine Formulierungen sind viel zu drastisch, als dass man darin noch eine berechtigte Kritik an Netanjahus Politik und militärischer Taktik erkennen könnte.
Von „Völkermord“ spricht Bardem und von einem „Krieg der Besatzung und der Auslöschung gegen ein Volk, dem keine Mittel zur Verfügung stehen, das in einem winzigen Territorium eingesperrt ist, ohne Wasser, wo Krankenhäuser, Rettungswagen und Kinder Zielscheiben sind“. Mit keinem Wort erwähnt er, welche Bedrohung von der Hamas ausgeht oder dass sie das Existenzrecht Israels negiert.

Nun bin ich der Meinung, dass “Völkermord” und “Genozid” zu inflationär verwendet werden. Allerdings erschliesst sich mir nicht, warum diese Interpretation des Bombardements Gazas, die bislang zu über 1000 Toten, die meisten davon Zivilisten, führte, so drastisch sein soll, dass sie nicht mehr gerechtfertigt ist. Denn das ist im Endeffekt genau die Art von emotional aufgeladener Sprache, die halt für Propaganda verwendet wird.
Und diese Schnapsidee, dass man jemanden nur kritisieren darf, wenn man auch die andere Seite kritisiert? Als Linker trifft man das ja häufiger an – wenn Gesine Lötzsch sich zum Kommunismus bekennt, soll sie sich doch bitte auch direkt für die Gulags entschuldigen. Aber aus irgendwelchen Gründen wird von Verfechtern des Kapitalismus nicht verlangt, dass sie sich für Guatemala entschuldigen, für Iran, für Chile, für Afrika etc.
Continue reading

Bloss ja keine linke Kritik zulassen

8 Aug

Lasst es uns mit Marx versuchen titelt die TAZ und beschreibt das Phänomen, dass marxsche Einsichten in den USA wieder ein bisschen mehr Verbreitung finden, Grosse Depression 2.0 sei Dank. Die Hauptstossrichtung des Artikels besteht darin, diese Entwicklung herablassend zu behandeln:

Wenn jemand das Label, „Marxist“ zu sein, in den vergangenen Jahren als Selbstbezeichnung vor sich hertrug, dann bedeutete das oft: Meine Radikalität ist vor allem eine Markierung der Differenz, ich bin anders, nicht Mainstream.

Was kümmern mich die reale Welt und die normalen Menschen. Immerhin habe ich den Zuspruch derer, die mein Denken teilen, also meiner drei besten Freunde und des Vernissagenpublikums.
[…]
In den USA wird in diesem Frühsommer das „Comeback von Marx“ ausgerufen, weil eine junge Generation Intellektueller die radikale Kritik entdeckt. Hauptgründe sind: Die Gründung des linken Magazins Jacobin, die Wendung der Gruppe kritischer Intellektueller um die Zeitschrift n+1 in Richtung Marxismus und vor allem das neue Buch des Starliteraten Benjamin Kunkel, „Utopia or Bust“.

Die Unschärfe dieses Artikels ist deprimierend. Zumindest die Unterscheidung zwischen Neokeynesianern und Postkeynesianern wäre wichtig gewesen:
Continue reading

Wer sich nicht wehrt, willigt ein

7 Aug

titelt die TAZ und beschreibt, wie die rechtliche Situation in Deutschland Vergewaltigung ermöglicht und gegen die Konvention gegen Gewalt gegen Frauen verstösst:

Wenn jemand Ihnen Luft aus dem Autoreifen lässt, dann ist das strafbar. Wenn jemand Ihnen eine Ohrfeige gibt, ist das mindestens eine „tätliche Beleidigung“, wenn nicht Körperverletzung – und strafbar.

Körperverletzung kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Wenn jemand Sie vergewaltigt, und Sie haben geweint und „Nein“ gerufen – wird er nicht bestraft.
[…]
Der Konvention zufolge müssen sexuelle Handlungen, die nicht einverständlich erfolgen, bestraft werden. Das aber ist in Deutschland nicht der Fall.

So heißt es in einem Urteil: „Die Vornahme sexueller Handlungen allein gegen den Willen einer Person hat der Gesetzgeber nicht unter Strafe gestellt.“ Das Justizministerium sieht jedoch keinen Handlungsbedarf. Nach dem deutschen Strafrecht ist Vergewaltigung bisher nur dann strafbar, wenn der Täter Gewalt anwendet oder eine „gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben“ androht. Oder wenn er die schutzlose Lage eines Opfers ausnutzt. Weil diese Voraussetzungen oft nicht erfüllt sind, werden häufig Verfahren eingestellt, obwohl das Opfer seinen entgegenstehenden Willen klar zum Ausdruck brachte.
[…]
Selbst die später eingeführte Alternative der „schutzlosen Lage“ wird eng ausgelegt, wie ein in der Studie zitierter Einstellungsbeschluss einer Staatsanwaltschaft zeigt: „Insbesondere ist dem Beschuldigten nicht hinreichend sicher nachzuweisen, dass er die Haustür abgeschlossen und den Schlüssel für Sie unerreichbar aufbewahrt hat.“
[…]
Kritik wird auch an der Rechtsprechung zu einem anderen Delikt, dem sexuellen Missbrauch Widerstandsunfähiger, geübt. Eine Frau, die von ihrem Partner im Schlaf vergewaltigt wird und dabei aufwacht, darf vom Bundesgerichtshof vernehmen, dass der Täter „in einer Intimbeziehung von einem grundsätzlichen Einverständnis in sexuelle Handlungen“ ausgehen kann, sodass die Strafbarkeit entfällt.