“Deutsche Tugenden” in Fussball und Wirtschaft

16 Jul

Auf Flassbeck Economics kommentiert das Team die Heuchelei derer, die jetzt den Teamgeist der deutschen Nationalmannschaft loben:

Aus dem Teamgeist der Fußballnationalmannschaft, sagen andere (so zum Beispiel im DLF der frühere Olympiasieger im Rudern und heutige Wirtschaftswissenschaftler Professor Maennig), könne man etwas für die Wirtschaft und insbesondere das Arbeitsleben lernen, nämlich dass man nur mit dem richtigen Teamgeist erfolgreich sein kann. Auch da ist etwas dran. Wir müssen in der Tat begreifen, dass eine arbeitsteilig organisierte Wirtschaft nicht „jeder gegen jeden“ bedeutet, sondern „jeder mit allen anderen“.

Dass aber ausgerechnet einer wie VW-Chef Martin Winterkorn (das ist der Mann, der gemäß einigen Erhebungen (beispielsweise hier eine von Ver.di) absolut und im Verhältnis zu den einfachen Angestellten mehr verdient als jeder andere Chef in Deutschland) nun laut Handelsblatt feststellt: “Jeder ist wichtig, und gemeinsam sind wir stärker als im Alleingang – diese Botschaft kann sich auch jedes Unternehmen ins Stammbuch schreiben”, das ist peinlich.

Teamgeist heißt nämlich vor allem, auch die Schwächsten im Team mitzunehmen, zu motivieren und sie da aufzustellen, wo sie dem Team den größten Nutzen bringen, selbst wenn sie nicht genau die gleiche Leistung abrufen können wie die anderen. Teamgeist heißt auch zu begreifen, dass es keine individuell zurechenbare Leistung des einzelnen gibt. Wie war die Grenzproduktivität von Manuel Neuer während der WM im Vergleich zu der von Phillip Lahm? Muss man nicht die Spieler ganz unterschiedlich entlohnen, weil sie unterschiedlich gespielt haben? War die Produktivität von Mario Götze, der in wenigen Minuten Spielzeit das entscheidende Tor schoss, nicht weit größer als die von Toni Kroos, der zwar 120 Minuten ackerte, aber kein zählbares Ergebnis produzierte? Warum wird das nicht systematisch verglichen, damit wir genau wissen, wem welcher Teil des Erfolges zuzurechnen ist und wer deshalb auch pekuniär mehr vom Ergebnis bekommen muss und wer weniger?

Es ist doch seltsam: Jeder vernünftige Mensch weiß, dass es keine sinnvollen Antworten auf diese dummen Fragen gibt. Und dennoch werden genau diese Fragen in der Mindestlohndebatte Tag für Tag von „Experten“ gestellt und beantwortet, als ob es das einfachste Rechenexempel der Welt wäre, den am geringsten Entlohnten eine bestimmte Leistung zuzuordnen und in Euro und Cent zu bewerten. Man scheint zu wissen, dass acht Euro fünfzig mehr ist, als ein Schlachter in der Stunde zum Gesamtergebnis der Schlachterei beiträgt. Und man ist sich ganz sicher, dass ein Spargelstecher oder ein Zeitungsausträger in Deutschland weniger leisten, als es dem ab 2015 vorgeschriebenen Mindestlohn entspricht. Auch die Grenzproduktivität von Langzeitarbeitslosen, ganz gleich, wo sie eingesetzt werden, liegt unter acht Euro fünfzig pro Stunde, sonst wäre für sie doch sicher keine Ausnahme ins Gesetz geschrieben worden.

Aber die Behauptung, dass die deutsche Wirtschaftspolitik irgendwie irgendwas mit der Vorbereitung auf die WM zu tun hätte, findet sich auch anderswo (aus dem Spiegel/Guardian):

Wer zu Wochenbeginn schon wieder zu solch philosophischen oder auch psychologischen Fragen in der Lage war, fand eine mögliche Antwort im britischen “Guardian”.
“WM-Sieg belegt die deutsche Überlegenheit in fast allem”, titelte die Zeitung online. In “typisch methodischer Manier” habe sich das Land erneuert, seit es der ebenfalls britische “Economist” 2000 als “kranken Mann Europas” schmähte. Es gebe “verblüffende Parallelen der Philosophien hinter Deutschlands wirtschaftlichem und fußballerischen Aufschwung”

Wenn dem wirklich so wäre, würde der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft darauf beruhen, dass sie für geringere Gehälter spielen, als die Spieler anderer Nationen, und dadurch dafür sorgen, dass diese nicht eingesetzt werden und ihnen deswegen die Spielpraxis fehlt, die sie für die WM brauchen. Hat irgendjemand in den Jahren seit 1990 danach gerufen, dass deutsche Spieler “Lohnrückhaltung” üben sollten, um dadurch Spieler anderer Nationen wegzukonkurrieren? Eben!

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