Geschichtsklitterung im Bundestag

3 Jul

Laut Spiegel hat ein deutsch-französischer Politologe im Bundestag anlässlich einer WK1-Gedenkveranstaltung den angeblich überwundenen Militarismus in Deutschland gewürdigt. Er hat dabei anscheinend durchaus richtiges gesagt, wie

Grosser sagte, aufgebaut worden sei der Staat nicht auf dem Prinzip der Nation, sondern auf der Ablehnung von Adolf Hitler und Josef Stalin. “Leider hat das deutsche Beispiel die anderen Staaten und Nationen kaum angesteckt”, mahnte der Historiker. “Der Trend geht heute sogar in die andere Richtung.”

Aber leider hat er auch Gaucks Wunsch nach militärischem Eingreifen deutscher Truppen mit dem üblichen Unsinn verteidigt:

“Wer ihn dafür aus Ultrapazifismus kritisiert, übersieht, dass ohne die Landung in der Normandie und ohne die Rote Armee es keine freie Bundesrepublik geben würde.”

Allerdings ist das Ganze halt ein bisschen anders, als Grosser das darstellt. Die Sowjetunion führte bis 1944 einen Verteidigungskrieg und war der gerechtfertigten Meinung, dass nur eine Zerschlagung der deutschen Kapazitäten ihre Sicherheit garantieren würde.
Das Gleiche gilt für die Vereinigten Staaten, die von Japan angegriffen und denen von Deutschland der Krieg erklärt wurde.

Was Herr Gauck hingegen will, ist die strucksche Definition von Verteidigung.

Allerdings muss ich sagen, dass mein Problem noch nicht einmal darin besteht, dass grossflächige Menschenrechtsverletzungen militärische Einsätze nach sich ziehen sollen, sondern dass diese militärische Einsätze eben einerseits nicht gegen Menschenrechtsverletzer wie Saudi-Arabien und Ägypten gerichtet werden, und andererseits die Menschenrechtsverletzungen ignoriert, die nach Zerschlagung der Machtstrukturen und Abzug begangen werden (Somalia mal 2, Afghanistan, Irak, Libyen).

Natürlich würde sich ein ziemlich schwieriges Bewertungsproblem ergeben, aber ich könnte mir vorstellen, dass es schon Wirkung hätte, wenn jegliche bewaffneten Parteien weltweit wüssten, dass sie sich westliche Luftschläge einfangen, wenn sie Zivilisten zu Opfern machen, egal ob Milizen, Armeen, Polizisten, und egal ob Iraner, ISIS, Saudi Arabien, oder Sri Lanka.

Hätte Gauck danach gerufen, dass das deutsche Militär jede Regierung destabilisiert, die Menschenrechtsverletzungen begeht, wär das eine viel interessantere Diskussion.

Edit: Ich dachte, ich müsse Herrm Grosser Abbitte tun: laut Redetext im Bundestagsarchiv findet sich die Formulierung vom “Ultrapazifismus” nicht in seiner Rede. Ganz im Gegenteil, seine Rede ist so nuanciert und intelligent

Über den Ersten Weltkrieg heißt es, alle seien mitverantwortlich gewesen, aber es habe eine deutsche Besonderheit gegeben: den Platz des Militärs in der Gesellschaft.
[…]
Anfang der sechziger Jahre, kurz nach dem Erscheinen des aufregenden, doch einigermaßen übertriebenen Werks von Fritz Fischer Griff nach der Weltmacht, führte ich den Vorsitz an der Sorbonne bei einem deutsch-französischen Dialog über den Kriegsbeginn. Mein Kollege und Freund Gilbert Ziebura aus Berlin sprach ausführlich über deutsche Verantwortung. Jacques Droz, großer Pariser Historiker, antwortete etwas aufgeregt, dass sein Gesprächspartner die französische Schuld völlig unterschätze! Dies nach einer langen Zeit gegenseitiger Vorwürfe und vier Jahrzehnte nach dem Schuld-Artikel des Versailler Vertrags!
[…]
Wenn man einem Ausländer erklären will, was der Große Krieg für Frankreich bedeutet hat, so braucht man ihn nur auf den Friedhof irgendeines Dorfs zu führen, vorzugsweise in der Bretagne. Warum dort? Weil es in dieser landwirtschaftlichen Gegend so gut wie keine Fabriken gab, dessen Arbeiter nicht an die Front geschickt wurden.
[…]
Schon vor Hitler hieß es Knallt ab den Walther Rathenau. Die gottverdammte Judensau !

Dieser hatte vergeblich erhofft, als deutscher Disraeli anerkannt zu werden. In Frankreich ist Léon Blum vor und nach seiner Ernennung 1936 als Chef der Volksfrontregierung nicht nur wüst antisemitisch beschimpft, sondern auch schlicht zu Boden geschlagen worden.
[…]
Der Militärseelsorger erlebt die Freude seines Lebens indem er Brot und Wein bei der versöhnenden Mitternachtsmesse erheben darf. Sein Bischof kommt daraufhin wütend an, bestraft ihn, verjagt ihn – und hält eine hasserfüllte Predigt, so wie alle deutschen und französischen Bischöfe der Zeit. Egal ob Katholiken oder Protestanten feierte man Siege, weil ja deutsche Christen so viele französische Christen getötet hatten und umgekehrt.
[…]
Ohne die Behauptung, nicht besiegt geworden zu sein, kann man Roosevelt und Churchill nicht verstehen mit ihrer Forderung der bedingungslosen Kapitulation. Diesmal sollten die Deutschen, auf ihrem völlig besetzen Restgebiet einsehen, dass sie den totalen Krieg total verloren hatten. Eine Konsequenz dieser Haltung war allerdings die Weigerung, irgendeine Form eines deutschen Widerstands anzuerkennen.
[…]
Ja, es hat einen deutschen Widerstand gegeben. Das Beispiel von Hans und Sophie Scholl wird stets hervorgehoben – zu Recht. Weniger berechtigt ist der Ruhm des 20. Juli. Die Motive der Verschwörer waren sehr unterschiedlich und einigen hatte erst die Niederlage die Augen geöffnet. Nein, ich denke hier an den deutschen Politiker, den ich am meisten verehrt habe, nämlich Fritz Erler.
[…]
Wie groß der linke Widerstand gewesen ist, das hat Günter Weisenborn bereits 1953 in seinem Buch Der lautlose Aufstand gezeigt. Dabei muss berücksichtigt werden, was Walter Scheel zum Historikertag 1976 gesagt hat:
“Hat man noch nicht begriffen, dass man die DDR nicht verstehen kann, wenn man vom Widerstand der Kommunisten gegen Hitler keine Ahnung hat?”

dass man sich kaum vorstellen kann, dass er eine solch vereinfachende Formulierung verwenden würde.

Nur leider hat er das laut Videoaufzeichnung doch getan.

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