Reportage allein reicht einfach nicht

23 Apr

Der Spiegel berichtet, dass es der us-amerikanischen Mittelklasse nicht mehr so toll geht:

Noch immer weisen die USA mit das höchste Wirtschaftswachstum der Industrienationen auf – doch bis auf eine schmale Oberschicht rutscht die amerikanische Gesellschaft im globalen Wohlstandsvergleich immer weiter ab. Die US-Mittelschicht, für viele Jahrzehnte die reichste der Welt, hat diesen Status nun verloren, berichtet die “New York Times”. Demnach dürfte das Medianeinkommen inzwischen in Kanada am höchsten sein.


und zählt auch einige der Gründe auf:

  • De[r] Niedergang des US-Bildungssystems: Die 55- bis 65-jährigen US-Amerikaner seien ihren Altersgenossen in anderen Industriestaaten bei den sprachlichen, mathematischen und technischen Fertigkeiten im Schnitt noch überlegen. Die 16- bis 24-jährigen US-Amerikaner würden in dieser Hinsicht jedoch klar von Australiern, Japanern, Skandinaviern und Kanadiern überflügelt.
  • Die ungleiche Bezahlung: US-Firmen verteilten die Einkommen höchst unterschiedlich. Spitzenkräfte würden deutlich besser bezahlt als in anderen Industriestaaten, zudem würden ihre Gehaltserhöhungen großzügiger ausfallen. Die mittleren und unteren Einkommensempfänger hingegen bekämen weit weniger. Das liege auch daran, dass die Gewerkschaften in den USA zu schwach seien, um mehr für die Mittelschicht herauszuholen.
  • Die US-Steuerpolitik: In Westeuropa, aber auch in Kanada würden die Regierungen weitaus stärker darauf bedacht sein, das Nettoeinkommen der Mittel- und Niedrigverdiener zu erhöhen, indem sie per Steuerpolitik umverteilen. Janet Gornick vom LIS stellt fest, dass die Reichen in Amerika weniger Steuern bezahlen müssen als fast überall sonst.

nur kommt er im Endeffekt seiner Aufgabe der Analyse und Verortung, wie so oft nicht nach.

Man kann doch nicht einfach den Niedergang des Bildungssystems einfach so konstatieren, ohne klarzumachen, dass das das Resultat einer zutiefst politischen Entscheidung ist, Bildung in ein Gebiet zur Gewinnabschöpfung zu verwandeln.
Man kann doch nicht die Schwäche der Gewerkschaften konstatieren, ohne zu diskutieren, dass das extrem viel mit politischer Einmischung zu tun hat, von Reagans Reaktion auf den Fluglotsenstreik bis zu heutigen “Right-to-work”-Gesetzen.
Man kann doch nicht die Steuerpolitik erwähnen, die offensichtlich ein Resultat politischer Effekte ist, ohne auch da zu erwähnen, warum sie so aussieht, wie sie das tut – und seit wann. Dass das unter Eisenhower, z.B., noch ganz anders aussah und diese Periode mit dem kontinuierlichen Wohlstandszuwachs der Mittelklasse zusammenfiel. Vor allem auch, wenn man im eigenen Magazin über den Einfluss des Geldes in der US-Politik schreibt.

Denn würde man eine solche Analyse betreiben, könnte man sich Schwachsinn wie:

Denn Deutschland ist das einzige große Industrieland, dessen Mittelschicht gegenüber der US-amerikanischen nicht aufholen konnte. Stattdessen seien die Einkommen in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren stagniert – weil Politik und Tarifparteien die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gezielt stärken wollten.

verkneifen. Der Spiegel hat ja auch drüber geschrieben, wie undurchlässig das deutsche Bildungssystem ist, die deutschen Gewerkschaften werden sich die USA und das Vereinigte Königreich angesehen und überlegt haben, dass sie sich besser zum Handlanger des Kapitals machen, als ihre Pfründe aufzugeben, und zur Steuergerechtigkeit hatte der letzte Armutsbericht von Schwarzgelb ja eigentlich alles enthalten.

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