Frauen für den Status Quo

23 Apr

Da haben Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling also ein Büchlein namens “Tussikratie” verfasst, dass vom Spiegel so aufgenommen wird:

Statt die Verhältnisse zu hinterfragen, denken viele Frauen zu stark an die eigene Macht: Das finden Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling und zweifeln in “Tussikratie” an der aktuellen Gender-Debatte. Eine wohltuend differenzierte Mahnung.


Da hat man dann schon eine Ahnung, woher der Wind weht und laut Spiegel bauen sie Strohfrauen auf:

Sie glauben, dass zahlreiche Debatten um die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen Gefahr laufen, nicht wirklich auf eine Gleichstellung, sondern auf eine Umkehrung abzielen. Allzu oft offenbare sich ein Verhalten, das zum Habitus einer Tussi gehöre – es dominiere das Angsthafte, Rachsüchtige, Reflexhafte.
[…]
Leider, so ihre Beobachtung, blieben die grundlegenden Verhältnisse derzeit aber viel zu oft unangetastet, es ginge immer nur darum, die Macht neu zu vergeben – und zwar an die Frauen. Überspitzt gefragt: Was bringt es, wenn statt eines Mannes eine Frau auf einem Chefsessel sitzt, ihre Untergebenen aber genauso drangsaliert?

und reissen die dann ein. Das geht dann auch ganz gut mit Allgemeinplätzen wie:

Sie halten die Gleichstellung von Frau und Mann selbstverständlich für erstrebenswert. Ihre Hoffnung ist es allerdings, dass die Geschlechter zusammen eine bessere Gesellschaft erschaffen. Weniger hierarchisch, mit höheren Löhnen und flexibleren Arbeitszeiten.

Dem kann man einerseits nicht widersprechen und andererseits ist das natürlich auch eine Strohfrau, weil impliziert wird, dass die meisten Feministinnen Kapitalismus (und andere Hierarchien) ganz toll finden. Geht übrigens immer auch klasse in die Gegenrichtung, wenn man Streiter für ökonomische Gleichheit damit angeht, dass sie angeblich geschlechtliche oder ethnische Ungleichheit ignorierten.

Und der Spiegel, wie oben erwähnt, findet das natürlich “differenziert”, ist schliesslich status-quo-erhaltend (die ersten 10 Kommentatoren übrigens auch).

Nun hätte man ja hoffen können, dass es sich um eine Fehldarstellung handelt, aber wenn man beim Verlag ins .pdf reinliest, klingt das dann so:

Ach, wie leicht es doch ist, keine Schuld an gar nichts zu haben – als Frau: Wenn’s mal nicht so klappt mit der Karriere, sind männliche Strukturen dran schuld. Wenn die Kinder nerven, dann liegt es daran, dass ER nicht genug Zeit mit ihnen verbringt, und wenn es keine Kinder gibt, wird dafür inzwischen nicht mehr einfach den überambitionierten Akademikerinnen die Schuld in die Schuhe geschoben, sondern jetzt haben sich alle weitgehend geeinigt, dass es an fehlender Kinderbetreuung liegt – und natürlich an den Männern. Die, heisst es, sind nämlich heute einfach zu schlapp, um Verantwortung zu übernehmen – und fasst meint man, dass es besser wäre, wenn die Frauen gleich zur nächsten Spermabank marschierten, statt ihr Glück an einen Typen zu heften, der es einfach nicht auf Reihe bekommen wird, sie richtig zu unterstützen.

Das ist der erste Absatz der Einführung und damit wird Deutungshoheit hergestellt: “leicht”, “mal nicht so klappt”, “einfach”, “einfach”, “zu schlapp”, “gleich”, “einfach” – der ganze Text ist so geschrieben, dass er impliziert, dass feministische Erklärungsansätze vereinfachend seien, Akademikerinnen kriegen “überambitioniert” angeheftet – das hat Methode, denn zwei Seiten weiter heisst es dann:

Die Debatte […] sieht für uns aus wie ein Sermon, der von Frauen für Frauen gemacht ist – oder vielmehr: von bestimmten Frauen (nennen wir sie der Einfachheit mal: Akademikerinnen) für bestimmte Frauen (ihre Freundinnen) und unter der Bedingung, dass alle brav nicken.

– und das eindeutig existierende Problem der mangelnden Kindertagesstättenplätze (ich liebe die deutsche Sprache) wird nebenbei als Ausrede diffamiert. Und natürlich weasel words, wie “alle weitgehend”, “heisst es”, “meint man”.

So geht das dann auch weiter, der Angriff auf Akademikerinnen ermöglicht, genau diejenigen aussen vor zu lassen, die das ganze Thema systematisch betrachten, und natürlich stilisieren sich die Autorinnen als mutige Rebellen:

[M]it diesem Text schlagen wir ein Buch auf, das es so nicht geben dürfte. Zwei junge Frauen, die mit dem neuen Durchsetzungswillen der Frauen hadern? Was ist nur mit uns los?

Auf die letzte Frage habe ich eine mögliche Antwort: zur Aufrechterhaltung von Machtstrukturen ist es immer sehr nützlich, ein paar Mitglieder der ohnmächtigen Gruppierungen zu haben, die diese Strukturen verteidigen. Das lohnt sich sehr für eben diese Mitglieder, geht allerdings auf Kosten aller anderen. Das ist los mit Bäuerlein und Knüpling und zumindest erstere hat das schon ganz gut drauf – ein Buch namens “Fleisch essen – Tiere lieben: Wo Vegetarier sich irren und was Fleischesser besser machen können” bereits veröffentlicht (und laut Besprechungen nach dem gleichen Thema geschrieben: vegetarisch leben löst die Probleme industrieller Landwirtschaft nicht direkt, weswegen man lieber die ganze Ernährung umstellen sollte und das grosse Problem lösen) und über das Taboo Holocaust und den “guilt complex” deutscher Schüler sprechend. Da dürfen dann auch Sätze wie:

Anyone who walks around with a flag and sings the anthem is immediately cataloged [sic] as being a right-wing extremist.

und

In Germany, anything that smells a little of xenophobia immediately becomes a forbidden subject, both in school and at home.

natürlich nicht fehlen.

Ganz klassisches “das wird man doch noch sagen dürfen”, nur nützlicher als Sarrazin und Akif Pirinçci, weil halt weiblich und jung.

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