Wenn’s wenigstens ein Aprilscherz gewesen wäre

1 Apr

Der Spiegel hatte gestern einen Beitrag mit dem Titel “Studie: Fahrradhelm-Pflicht brächte mehr Schaden als Nutzen” online. Ich ging davon aus, dass es sich um eine aufgewärmte Version des Arguments handelte, dass Leute höhere Risiken eingehen, wenn sie sich beschützt fühlen. Allerdings ging’s darum gar nicht. Korrekterweise hätte der Beitrag “Fahrradhelmpflicht bringt mehr Kosten als Einsparungen heissen müssen” – allerdings klingt “Schaden” besser als “wird teuer”.

Der Artikel diskutiert – ausführlich – ein Papier eines VWLers, der, angeblich

mit nüchternen Zahlen.

berechnet hat, dass

[d]ie gesamtgesellschaftlichen Kosten […] um 40 Prozent größer als der Nutzen [seien]

Bereits an der Stelle: nichts mit Schaden, Kosten sind’s. Und dann geht’s los mit den Annahmen:

Demnach würde jeder zweite an einer Kopfverletzung verstorbene Radfahrer noch leben, hätte er einen Helm getragen. Und jeder zweite Radfahrer mit schweren Kopfverletzungen hätte dank Helm nur leichte Verletzungen.
[…]
[D]as lässt sich präzise in Euro umrechnen: Der statistische Wert eines Lebens wird […] in Westeuropa mit 1,574 Millionen Euro taxiert, eine schwere beziehungsweise leichte Verletzung mit 205.000 Euro und 16.000 Euro.

Diese Zahlen schreibt der Spiegel der WHO zu, verlinkt allerdings nicht und ich habe auf die Schnelle nichts finden können. Spätestens hier ist klar, woher der Wind weht, und ich ging als erstes davon aus, dass es sich um einen cleveren Aprilscherz handelte, der die Tendenz gewisser VWLer karikiert, alles als wirtschaftliches Optimierungsproblem zu betrachten.

Aber der Typ ist echt, das Papier ist echt (meine Hervorhebung):

The benefits of a helmet law are estimated at about 0.714 of the costs. A bicycle helmet law for Germany is found to be a waste of resources.

Na dann folgen wir mal der Rechnung:

Jahr ergibt sich Siegs Berechnungen zufolge für Deutschland somit ein Nutzen von 570 Millionen Euro. Rechnet man den Schutzeffekt auf die gefahrene Strecke um, kommt man auf 2,08 Cent pro Kilometer.
[…]
Sieg geht davon aus, dass eine Helmpflicht zu einem Rückgang der Summe aller in Deutschland geradelten Kilometer um 4,5 Prozent führen würde.
[…]
Laut WHO-Berechnungen bringt jeder Kilometer Radfahren einen gesundheitlichen Nutzen von 1,05 Euro. Sinkt die Kilometerzahl um die angenommenen 4,5 Prozent, hat das Gesundheitskosten in Höhe von 472 Millionen Euro zur Folge.

Ok, das bedeutet also, dass unterm Strich ein “Gewinn” rauskommt. Aber nicht so schnell:

Wird weniger geradelt, steigt auch der Ausstoß von Abgasen, da die Menschen aufs Auto oder den ÖPNV umsteigen. Diese Umweltkosten summieren sich auf 11 Millionen Euro pro Jahr.

Dazu lässt sich dreierlei sagen:

  1. muss diese Aussage auf irgendwelchen Annahmen über die Auswirkungen von Abgasen beruhen, die nicht präzisiert werden (aber wenn man sich die üblichen VWL-Arbeiten zu dem Thema ansieht, wird das Ganze nur in Gesundheitskosten/Instandhaltungskosten/Produktionsverlusten ausgedrückt, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass die Zerstörung des Ökosystems irgendwie quantifizierbar sei),
  2. geht die Aussage davon aus, dass sich ansonsten nichts ändert, z.B. Sprit nicht teurer wird und die Elektrizität für den ÖPNV nicht umweltverträglicher produziert wird und
  3. kommt dann immer noch ein “Gewinn” raus.

Weiter geht’s:

Der Verzicht aufs Rad hat aber auch positive Folgen: Betroffene laufen wieder etwas mehr. Sie fahren auch mehr Auto und müssen im Stadtverkehr im Fall eines Unfalls weniger schwere Verletzungen fürchten. Diese positiven Umstiegseffekte erreichen immerhin 123 Millionen Euro pro Jahr.

Ok, also sogar noch mehr auf der Habenseite, und zwar 570*10^6 + 123*10^6 – (472*10^6 + 11*10^6) = 210*10^6. Gesundheit ist diskutiert, Umwelt auch, wo kommen denn nun die angeblich so hohen Kosten her?

Die Anschaffungskosten für einen Helm liegen nach Siegs Berechnungen (unter der Annahme, dass ein Helm im Schnitt 33 Euro kostet und alle fünf Jahre ersetzt wird) für die Deutschen bei 315 Millionen Euro.

Ooookay?! Abgesehen davon, dass wir jetzt (in Euro ausgedrückte) Menschenleben mit Kosten für Konsumgüter gleichsetzen: Jetzt verrechnen wir also Privatausgaben für Anschaffungen gegen die Kosten, die die Gesellschaft spart? Ist das nicht eigentlich nur plausibel, wenn die Bundesregierung Helme kostenlos zur Verfügung stellte?

Ausserdem ist das wieder so eine “wenn alles andere gleich bleibt”-Rechnung, die nicht aufgeht: wenn diese 315 Millionen zusätzlich ausgegeben werden, heisst das höhere Binnennachfrage und Teile dieser Ausgaben landen in den Taschen irgendwelcher Werktätiger, die davon profitieren. Steuereinnahmen gehen auch hoch, also sind in diesen 315 Millionen positive Effekte für die Gesamtwirtschaft enthalten, die nicht auf der Habenseite verbucht werden. Wird das Geld allerdings einfach umgeschichtet, verzichtet der durchschnittliche Deutsche auf irgendwas, z.B. auf ein paar Bier, was ihn gesünder machen würde.

Ausserdem ist die Zahl grade hoch genug, um die Gesamtrechnung um 105 Millionen ins Negative zu ziehen und huch, da kommt ja noch was dazu:

Dabei ist für viele Menschen der Komfortverlust ein Hauptargument gegen den Helm: Man sieht doof damit aus, er zerstört die Frisur, im Sommer läuft der Schweiß. Ein Faktor, der sich nur schwer in Euro umrechnen lässt, räumt Sieg ein. Deshalb nutzte er einen Kunstgriff: Er nahm an, dass Menschen rational handeln und ihnen der Komfort des Radelns ohne Helm mindestens genauso viel wert ist wie der Schutzeffekt des Helms. Den jährlichen Komfortverlust beziffert der Forscher schließlich mit 171 Millionen Euro.

Der Lieblingstrick der neoklassischen VWLer – man nimmt einfach an, dass Menschen immer rational handeln (kaufen). Damit kann man all diesen kontraintuitiven Massnahmen rechtfertigen, wie Massenentlassungen von öffentlichen Angestellten in einer Rezession, weil der rational handelnde Mensch dann nicht etwa Angst kriegt, dass sie auch bald ihren Job los ist, sondern…irgendwas anderes. Das ist auch der Hauptgrund, warum all diese Massnahmen konsequent versagen!

Machen wir diese Annahme noch mal ganz konkret:

  1. der durchschnittliche deutsche Fahrradfahrer unterschätzt die Risiken eines Fahrradunfalls nicht.
  2. der durchschnittliche deutsche Fahrradfahrer unterschätzt die Auswirkungen von Kopfverletzungen nicht – nicht nur das Todesrisiko, sondern auch die lebenslangen Gesundheitsschäden, die nicht-tödliche Verletzungen haben können.
  3. angesichts dieses Wissens bedenkt er den Komfortverlust, den er hätte, und entscheidet sich gegen den Helm. Nicht etwa, weil er ständig vergisst, einen zu kaufen, oder weil er dafür zu faul ist.

Es gibt eine englische Phrase, die häufig verwendet wird, wenn statistische Analysen Schrott produzieren: “garbage in, garbage out”. Man muss sich seine Annahmen nur richtig wählen, dann kriegt man sie auch raus.

PS: Die Behauptung, dass Fahrradfahrer dann risikoreicher führen, findet sich dann auch in den Kommentaren.

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