Auch ein blindes Huhn…

12 Mar

Die TAZ-Berichterstattung über die Nachbeben der Janukowitschentmachtung in der Ukraine war ein bisschen überraschend – so gut wie keine Kritik an der Verhaltensweise der westlichen Regierungen, dafür lautes Getöse, dass Europa/US Putin jetzt mal zeigen müssten, wo der Hammer hängt.

Angenehmerweise gab’s dann heute auch einen Kommentar, der das Ganze ein bisschen differenzierter betrachtet. Dabei wird keine Putinapologie betrieben, aber dafür sehr deutlich auf die kognitive Dissonanz hingewiesen, die bei europäischen und us-amerikanischen Politikern und Massenmedien bzgl. separatistischer Bewegungen herrscht:

Denn eigentlich ist es heute schwer geworden mit den glatten Erzählungen: Weil die westliche Politik moralische Maßstäbe und völkerrechtliche Grundsätze mit einer geradezu opulenten Widersprüchlichkeit handhabt. Kosovo, Kroatien, Libyen, Ägypten, Südsudan, Mali, Syrien, Zentralafrika: Ob neue Staaten erlaubt sind, ob ein Referendum Gültigkeit hat, ob ein Putsch legitim ist, eine Intervention gerechtfertigt, eine Bombardierung geboten, all dies ist schlicht eine Frage von Interessen.


Das irritierende daran ist, dass bei aller grundsätzlicher Kritik am Verhalten der Presse:

Der politische Journalismus hingegen neigt stets dazu, sich hinwegtragen zu lassen, dorthin, wo er eigentlich nicht mehr gebraucht wird, weil da schon alle sind, die auf nichtjournalistische Weise Öffentlichkeit prägen und Gehöre eichen.
[…]
[J]eder Blogger in der sogenannten Dritten Welt schreibt das ohne Pirouetten.

Es könnte also vielleicht auch bei uns eine gute Zeit sein für unabhängigen Journalismus. Die Rasanz der Ereignisse (oder die Geschwindigkeit, mit der wir sie zur Kenntnis nehmen), die Abfolge von Aufständen, Präsidentenstürzen, ethnisch oder religiös entgleisten Konflikten wäre dann eine Einladung zu etwas mehr Bescheidenheit.

keinerlei explizite Kritik an dem Blatt geübt wird, in dem der Beitrag erscheint. Und das am gleichen Tag, an dem die TAZ auch ein komplett unkritisches Interview mit Polenz (CDU) abdruckt, der z.B. völlig unwidersprochen behaupten darf, dass die neo-liberalen Massnahmen im Baltikum nach einer kurzen schmerzhaften Anpassungsphase Verbesserungen gebracht habe.

Das ist das Gleiche, das mich schon im Spiegel so aufgeregt hat – wie kann man denn ahistorischen Journalismus betreiben? Wie kann man denn einfach ignorieren, wenn die Publikation, in der man schreibt, gleichzeitig das genaue Gegenteil behauptet? Dieser “professionelle Journalismus”, der denkt, seine Schuldigkeit sei getan, wenn er beide Seiten schlicht darstellt, ohne zu vernüpfen, ohne zu synthetisieren, dieser Journalismus ist nur marginal besser als der aktivistische, der einer Seite nach dem Maul schreibt.

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