Beweislage mangelhaft

18 Oct

Es ist wieder mal Propagandatag auf Spiegel Online. Nachdem sie vor ein paar Tagen noch rumgeheult haben, dass Chinas sinkende Exporte problematisch für die Weltwirtschaft seien, übernehmen sie heute einen Artikel des WSJ Deutschland, dass es “gutes” und “schlechtes” Wirtschaftswachstum gebe:

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 7,8 Prozent gewachsen, das sind 0,3 Prozentpunkte mehr als im zweiten Quartal. Dieser Schub ist aber nicht ganz gesund, weil er von Staatsausgaben und einer riesigen Ausweitung der Kreditvergabe getrieben wird.


Über die zweite Hälfte der Finanzierung kann man diskutieren, aber die erste?

Im selben Monat [Juli] begann die Regierung, ihre Ausgaben für Schienennetze und andere Infrastruktur aufzustocken.

Die Folgen waren im dritten Quartal bereits zu spüren: Die Investitionen in Schienen und Straßen lagen in dem Zeitraum um 22 Prozent über denen des Vorjahres.

D.h., die chinesische Regierung investiert in Infrastruktur, was Deutschland konsequent vernachlässigt und das soll schlecht sein?
Der ganze Artikel liefert nicht ein Argument für sein Urteil. Stattdessen werden gezielte Fehlinterpretationen geliefert:

Als der chinesische Premier Li Keqiang im März sein Amt antrat, verkündete er eins ums andere Mal, er wolle langsameres Wachstum, um die Wirtschaft auf einen nachhaltigeren Pfad zu bringen – will heißen: weniger abhängig von staatsgetriebenen Investitionen.

Ähm, nein. Wie in der gleichen “Informationsquelle” dargelegt, sollte nachhaltig etwas anderes bedeuten:

Langfristig möchte China wirtschaftlich nicht mehr so stark auf Export angewiesen sein.

Und wie wir grad in den USA durchexerziert gesehen haben (und in EU, sowohl Peripherie als auch UK, Baltikum und der ganze Rest), ist es verheerend, wenn der Staat weniger ausgibt.

Und weil der Spiegel schon dabei, ist dem Kapital nach dem Maul zu reden, verkündet er auch gleich noch: “Mindestlohn lenkt Milliarden in die Schwarzarbeit”. Die Stoßrichtung des Eintrags ist, dass ein Mindestlohn von 8,50 ne schlechte Idee sei (eine Behauptung, die der Spiegel nicht das erste Mal aufstellt). Dazu zitieren, sie einen VWLer, der zu Schwarzarbeit forscht und in seinen Publikationen z.B. zeigt, dass er an die “Ricardian Equivalence” glaubt, also dass die meisten Menschen erwarten, dass niedrigere Steuern (oder höhere Staatsausgaben) in der Zukunft durch höhere Steuern abgeglichen werden müssen. D.h., das ist jemand, der weder Psychologie noch Fiat-Geld versteht. Wie er selbst in dem Artikel zitiert wird:

Wer schwarz arbeitet, tut das nicht für das Sparbuch, sondern geht in den nächsten Supermarkt und kauft ein.

D.h., irgendwo im Hinterkopf hat der gute Mann doch noch, dass höhere Löhne höhere Nachfrage bedeuten – nur den letzten Schritt, dass höhere Nachfrage auch mehr Jobs bedeuten, den will er dann lieber doch nicht gehen.

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